25. Woche auf dem Rad

Zwischen Krankenbett und Meeresblick

Tikobo No.1 – Adjumako – Kisi – Cape Coast Gomoa Ankamu – Accra

Schwitzend sitzend ritzen wir Mückenstichekreuze auf unsere Beine./ Schweiß schmiert ganz von alleine/ Arme an Körper mit Gier/ Schauen wir aus unserem heißen Zelt in die kalte Nacht./ Nur das Summen der Mücken verdirbt das Entzücken, Auf alles zu scheißen und die Eingänge aufzureißen./ Sarahs Luftmatratze kracht./ Mückenstichspray wäre vielleicht auch okay/ Zum googeln haben wir keine Handysignale so wie hier in Ghana die meisten Male./ Und während wir uns hier beschweren/ würden die meisten uns belehren:/ Lieber schwitzen wie Quark Als zu frieren den ganzen Tag.

Extra Licht zum Abspülen

Und nun bricht ein Streit zwischen Clara und Sarah aus. Es geht um jeden Zentimeter, der sie voneinander trennen soll, damit jeder Körper seine Hitzeausstrahlung für sich behalte. Schlaf- und Isomattenpositionen werden diskutiert. Dann ist Ruhe, wir einigen uns auf sechs Uhr aufstehen am nächsten Morgen, um der Hitze zu entgehen.

Seit der Elfenbeinküste ist es nämlich schwül und damit schwitzt man den ganzen Tag lang. Wir merken, wir sind nun mit Problemen konfrontiert, die zu Beginn unserer Reise keine Rolle spielten. Selbst in der Sahara waren die Temperaturen angenehmer, juckende Hitzepickel waren uns damals unbekannt. Bis Weihnachten lief eigentlich immer alles nach Plan. Rückenwind schob uns nach Süden, wir erreichten unsere Etappen wie geplant, fanden fast immer Couchsurfing-Gastgeber*innen und blieben von Krankheiten verschont. Jetzt merken wir, wie sehr genau diese Dinge den Rhythmus bestimmen. Krankheiten sind das Anstrengendste, weil sie jede Planung infrage stellen.

Elmina

Diese Woche in Ghana hatte es in sich. Sarahs Erkältung wurde besser, dafür vertrug ihr Magen kaum noch Nahrung – schwierig, wenn man täglich viele Kilometer fahren will. In Accra wurde Clara dann von einem Hund gebissen. Das Hotel reagierte zum Glück sofort, fuhr mit uns zur Tollwutimpfung und stellte uns ein Zimmer zur Verfügung. Kurz darauf bekam ich Fieber. Im Krankenhaus: Typhus und Lebensmittelvergiftung. So kurz vor unserem geplanten Termin in Benin blieb keine Wahl – ich werde mit dem Bus nach Lomé fahren, während Sarah und Clara weiter radeln.

Auch unser Material zeigt Verschleiß. Claras Schalthebel hält nur noch mit Gaffa am Lenker, Selmas Radhemd ist so dünn geworden, dass sie darunter richtig braun wird, diese Woche hatten wir fast täglich einen Platten, und wir flicken unsere Kleidung immer wieder. Nähen gehört inzwischen zur Routine. Umso größer wird unser Respekt vor denen, die bis nach Südafrika fahren. Gleichzeitig gibt uns das nahende Ziel neue Energie. Die Ankunft rückt näher, und wir werden langsam nervös.

Elmina Castle, Blick auf die portugiesische Kapelle

Bei all den Schwierigkeiten gab es in Ghana auch viele gute Momente. In Cape Coast fanden wir überraschend viele vegane Restaurants, ein Hotel mit Meerblick, freundlichen Menschen und lokalen Produkten. Und dank unserer bewährten Methode, herumstehen und ratlos aussehen, bekamen wir eine spontane Privatführung durch eine methodistische Kirche. Der Pastor schloss extra für uns auf und erzählte die Geschichte der Gemeinde und ihrer englischen Gründer. In Elmina besuchten wir eine ehemalige Sklavenburg. Die Architektur und die Erklärungen unseres Guides machten deutlich, wie systematisch Menschen entmenschlicht und in Hierarchien eingeordnet wurden. Ein Ort, der lange nachwirkt.

Methodistische Kirche

Während Sarah und Clara nun mit dem Fahrrad weiterfahren, blieb ich noch eine Nacht allein im Hotel, um mich auszukurieren. Da merke ich, dass ich es mir besser vorstellen kann, in Westafrika alleine zu reisen als an anderen mir bekannten Orten. Menschen bieten ihre Hilfe oft ganz selbstverständlich an. Zwei Frauen aus dem Hotel erklärten mir, sie seien jetzt meine Freundinnen. Ein Deutsch-Guineaner namens Albert erledigte Einkäufe für mich, damit ich mich ausruhen konnte.

Accra wirkte insgesamt sehr international. Viele der Hotelgäste besuchten eine nahegelegene Deutschschule und kamen aus verschiedenen westafrikanischen Ländern. Es war schon seltsam, dass alle Gäste des Hotels, mit denen ich mich unterhalten hatte, deutsch lernten. Aus lauter Verwirrung sprach ich auch mit den Menschen auf der Straße deutsch. Albert erzählte von seinem Leben in Deutschland – seine Lieblingsstadt: Mainz. Seine Heimatstadt kannten wir ebenfalls: Guéckédou in Guinea, dort waren wir vorbeigekommen. Wir werden uns gewahr, dass dies einer unserer Gründe für diese Reise ist: Orte nicht nur als Namen zu kennen, sondern als Lebensrealitäten von Menschen.

Waschen unterwegs

Nächste Woche erreichen wir Togo. Dort werden wir wieder Projekte besuchen – und vielleicht schaffen wir es ja sogar ins Radio.


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