Geschichte liegt nicht in der Vergangenheit

Man – Guézon – Daloa – Galihoa – Niakpalilié – Kossihouen – Abidjan

Ich bin wahnsinnig müde. Denn es ist heiß und schwül und das feuchtwarme Klima setzt sich in unserem Zelt fort. Dabei sind wir nur zu zweit hier drinnen, Sarah ist bereits mit dem Bus nach Abidjan vorgefahren. Was sie an einem Tag geschafft hat, teilen wir uns auf fünf Tage auf. So kann sie sich gut ausruhen und nimmt hoffentlich Abschied von ihrer Erkältung. Wir stehen unter stärkerem Stress als im letzten Jahr und machen deshalb mehr Kilometer und Höhenmeter als sonst, das ist wohl ein weiterer Grund für meine Müdigkeit. Und der Sonntag ist anders als sonst diesmal kein Pausentag.

Übernachten in der Kakaoplantage
Kakaoschoten wachsen direkt am Stamm?!

Zwei Jungen stehen ein paar Meter entfernt von unserer Plane, auf die wir später unser Zelt stellen wollen, und rufen: „eh! Les blancs!“ Ignorieren klappt nicht und deshalb erzählen wir ihnen, dass wir eine Fahrradtour von Deutschland nach Benin machen, dass wir tatsächlich planen, hier im Gebüsch zu übernachten und dass wir keine Angst vor Schlangen haben. Das ist schon praktisch, dass wir in der Elfenbeinküste besser mit den Menschen kommunizieren können.
Alle sprechen sehr gut französisch, sogar Kinder und wir hören auch, wie sich die Menschen untereinander viel auf französisch unterhalten. Das war in den bisherigen Ländern nicht so. Da hatten wir immer Mühe, unsere vegetarischen Wünsche rüberzubringen und hatten uns vollständig daran gewöhnt, die Gespräche um uns herum nicht zu verstehen. Jetzt fühlen wir uns plötzlich ständig angesprochen, weil sonst französisch nur zum Einsatz kam, wenn es um uns ging. In dergleichen Situationen, in denen wir beobachtet werden, bin ich auf jeden Fall dankbar für die Möglichkeit der Kommunikation. So kann man dann die Dynamik des Starrens durchbrechen.

Cola-Pause, um den Blutzucker-Spiegel wieder hochzutreiben:)

Die negative Seite ist, dass wir dann auch diejenigen Aussagen verstehen, die wir nicht verstehen wollen. Im Regelfall ist das „vous êtes belles“ (ihr seid schön). Wir werden ungern von zehnjährigen angeflirtet und wissen nicht ganz, was wir darauf antworten sollen. Manchmal zeigen wir auf, dass unsere Hautfarbe schwach ist, immerhin verbrennt uns die Sonne. Wir fragen uns, ob sie uns schön finden, weil wir exotisch sind? Es ein Gefälle zwischen uns gibt, wer weiß ist, gillt als Norm, als reich und schön? Den Impuls, jemanden anzuschauen, den man schön findet, kann ich nachvollziehen. Ich finde hier auch viele Menschen schön, vielleicht weil meine Sozialisation sie mir als exotisch und interessant darstellt. Von Frauen schön genannt zu werden, ist ein geringeres Problem, da geben wir das Kompliment gerne zurück.
Wir lassen das „ihr seid schön“ unsicher stehen und die Kinder gehen nach der kurzen Unterhaltung, immerhin erfuhren sie alles Wissenswertes, sie kommen aber nochmal mit ihrem Vater zurück. Der meint, sein Sohn habe ihm berichtet, Weiße wären hier, um zu campen und er habe es gar nicht glauben können. Deswegen komme er selbst, um sich davon zu überzeugen. Er macht sich Sorgen um unsere Sicherheit. Wir sagen ihm, dass jetzt ja alles gut ist, wo wir wissen, dass er nebenan wohnt. Bei Problemen werden wir uns bei ihm melden. Damit sind alle einverstanden und wir haben wieder Stille.

Zu Gast in verschiedensten
Gotteshäusern:)

Nun ist wieder Abend und wir sitzen vor einer Moschee, wir warten auf den Imam. Denn wir haben die Moschee als unseren Wunschschlafplatz für diese Nacht auserkoren. Ein Mann in weißem Gewand kommt auf seinem Motorrad angefahren. Das muss er sein! Wir nähern uns möglichst unbefangen und fragen, ob es möglich wäre, unser Zelt für eine Nacht aufzustellen. Kein Problem! Ihr seid Frauen, ihr habt euer Zelt dabei, schlagt es auf, wo ihr wollt. Seit der Elfenbeinküste sind wir mit unseren Schlaforten sehr religiös unterwegs. Bereits in der ersten Nacht im neuen Land schliefen wir im Raum einer Kirche. Es wollte pünktlich an unserem Einreisetag regnen und wir suchten einen Ort, an dem wir unser Zelt unterstellen konnten. Wir fragten also in der Kirche nach, warteten erstmal eine Weile, bis der Pfarrer mit seinem Sport fertig war. Dann wurden wir von ihm durchgefragt. Es begann mit der Frage, ob wir Katholiken seien, bei welcher Diözese und bei welchem Bischof. Clara dachte, ich würde lügen, als ich Wiesemann sagte. Aber nach späterer Recherche lag ich richtig, Dieu merci.
Dann ging es um das ungleiche Verhältnis zwischen der Elfenbeinküste und Frankreich im speziellen oder Afrika und Europa im Allgemeinen. Der Pfarrer hatte nämlich auch in Frankreich gearbeitet, deutsche Philosophen studiert und konnte somit Unterschiede feststellen. Er erzählte von einigen Beobachtungen, die uns unangenehm waren, da auch wir diese Beobachtungen gemacht haben. Dass Menschen in der Elfenbeinküste viel über Europa wissen, europäische Sprachen sprechen und europäische Geschichte kennen.
Andersherum bemängelte unsere Bildung – wir lernten wenig über Afrika, andere Kontinente und über unsere koloniale Vergangenheit. Er spräche mit uns französisch, aber wir würden seine Muttersprache nicht verstehen. Er setze sich hin, um sich mit uns zu unterhalten, andersherum würde man ihn in Europa nicht so freundlich begrüßen. Deswegen sei er auch aus Frankreich zurückgekehrt, weil das kalte Wetter sich in dem kalten Wesen der Menschen widerspiegele. Er kreidete an, dass viele afrikanische Staaten noch immer abhängig seien und ausgebeutet würden. Deswegen sehe er es als seine Aufgabe als Pfarrer politisch aktiv zu sein. Er sage den Leuten: nach Freiheit fragt man nicht, man muss sie sich erkämpfen. Dafür brauche es mehr Zusammenhalt zwischen afrikanischen Ländern und eine gemeinsame Vision. So wie die europäische Union.
Während dieser Diskussion waren wir nicht alleine, es saßen zwei Ivorer neben uns, die uns bei unserer Suche nach einem Schlafplatz halfen. Sie fragten uns dann, wie unser Bild von Afrika sich durch die Reise oder durch unseren Freiwilligendienst verändert habe, ob wir überrascht worden seien. Ich denke, für mich war der Kontinent zuvor ein weißer Fleck Erde, unbekannt und eine einheitliche Masse. Das in Europa vermittelte Bild von Afrika ist häufig undifferenziert und verallgemeinernd. Jetzt haben wir einige Länder besser kennengelernt, aber wir waren ja auch nur in Westafrika und können deshalb über den ganzen Kontinent schwerlich Aussagen treffen.

Premium-Abendessen vor der Moschee

Die Beobachtungen von dem Pfarrer waren für uns interessant und wir recherchieren im Nachhinein ein bisschen über das Verhältnis zwischen Frankreich und seinen ehemaligen Kolonien. Diese befinden sich hauptsächlich in West- und Zentralafrika und erlangten um 1960 Unabhängigkeit. Doch Frankreich wollte seine Vormachtstellung behalten und etablierte ein Konzept namens „Françafrique“ anhand neokolonialistischer Strukturen sowie Verträge. Diese erlegten den afrikanischen Ländern Pflichten auf und räumten den Franzosen Rechte ein, wie ein Vorkaufsrecht für Rohstoffe, das Recht, militärisch einzugreifen, falls französische Interessen bedroht sind, Französisch als offizielle Sprache zu behalten und den Franc CFA (Colonies Françaises Africaines) als Währung einzuführen. Im Gegenzug versprach Frankreich finanzielle sowie militärische Unterstützung.
Der Franc CFA ist wohl das offensichtlichste neokoloniale Mittel. Er ist an den Euro gebunden, was ihm eine fixe Konvertierbarkeit an eine starke Währung garantiert. Gleichzeitig ist die Einflussnahme Frankreichs groß: in den Verwaltungsräten der CFA-Banken sitzen Franzosen mit Veto-Recht. 1994 beschloss die Banque de France ohne Konsultation der CFA-Banken die Abwertung des FCFA gegenüber dem Franc um 50%. Weiterhin liegen 65% der Währungsreserven bei einer französischen Institution, die sie bei Bedrohung französischer Interessen einfrieren können. CFA-Ländern bleibt der direkte Zugriff verwehrt.
Ein weiteres Beispiel neokolonialer Strukturen ist Frankreichs Uranabbau. Seit 1971 bauen französische Firmen (heute Orano) große Mengen für Frankreichs Atomenergie ab. Durch Verträge besitzt Frankreich ein Vorkaufsrecht und zahlt circa ein Drittel des Weltmarktpreises. Niger zählt zu den 5 wichtigsten Uranproduzenten weltweit, bleibt jedoch eines der ärmsten Länder.

Cathédrale Saint Paul in Abidjan
In die Architektur-Uni mal schnuppern dürfen

Frankreich profitiert also enorm von neokolonialen Strukturen und übt mehr Einfluss als alle anderen ehemaligen Kolonialmächte auf seine einstigen Gebiete aus. Kritiker*innen werfen dem Staat vor, gemeinsam mit lokalen Eliten afrikanische Ressourcen, Märkte und Arbeitskräfte auszubeuten und sehen in Frankreichs Politik ein großes Hindernis der Demokratieentwicklung afrikanischer Staaten. Seit 1990 fanden 21 der 27 Staatsstreiche im subsaharischen Afrika in ehemalig französisch kolonierten Gebieten statt.
Solche Recherchen und Gespräche machen uns immer nachdenklich. Fakten, die eigentlich für alle zugänglich sind, lassen sich leicht aus der eigenen Lebensrealität ausblenden, wenn man in Europa sitzt. Durch’s Reisen wird man konkreter mit den Abhängigkeitsstrukturen konfrontiert, auf denen die eigene privilegierte Lebenssituation basiert, und muss sich zwangsläufig damit beschäftigen – dafür sind wir irgendwie auch dankbar.

https://www.deutschlandfunk.de/der-westafrikanische-franc-frankreich-und-der-unsichtbare-100.html

https://www.alexandria-magazin.at/magazin/franafrique-der-lange-schatten-des-kolonialismus.php


Eine Antwort zu „Dreiundzwanzigste Woche auf dem Rad“

  1. Avatar von Gisela
    Gisela

    Vielen lieben Dank, wie gut und umfassend ihr euer Wissen mit uns Zurückgebliebenen teilt!
    gute Reise und erfreuliche Begegnungen!

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