4-Sterne-Aufenthalt bei Projektbesuchen
Accra – Tsopoli – Anloga – Lomé – Agbodrafo
Eine Woche ohne Fahrrad fahren für Selma, denn sie kuriert noch ihre Typhuserkrankung aus. Für Sarah und Clara ging es aus dem anstrengenden Verkehr Accras hinaus Richtung Volta-Delta, dort konnten sie bei einer einstündigen Bootstour die paradiesische Landschaft bewundern und die letzte Vitamilk Schoko genießen. In Lomé trafen wir uns wieder, und hier begann für uns alle ein Leben in Luxus. Denn wir hatten das Glück, Gäste der Organisation OADEL zu sein. Wir besuchten nämlich zwei weitere Partnerorganisationen der ASW und durften für die Tage in einem der Büros von OADEL auf der Terrasse zelten. Wir profitieren von WLAN, einer Küche mit Wasserkocher, schönen Räumen und vielen Badezimmern. Sogar für unser leibliches Wohl wurde gesorgt: die Kantine kochte für uns mit und am Wochenende besorgten sie extra nur für uns Essen. Unter der Woche besuchten wir drei unterschiedliche Bäckereien, die mit OADEL zusammenarbeiten.


OADEL steht für Organisation pour l’Alimentation et le Développement Local (Organisation für Ernährung und lokale Entwicklung). Sie gründeten sich 2003, bestehen aus 33 Mitarbeiter*innen und haben Ernährungssicherheit als Themenschwerpunkt, insbesondere die Produktion von Brot. Mit der Kolonialzeit kam das Baguette nach Togo, welches vor allem in der Hauptstadt als modern und urban gilt. Hierbei wird der Weizen importiert und in Lomé zu Mehl verarbeitet. Da es sich oft um Produktionsüberschüsse handelt, ist der Weizen billiger als lokale Anbaupflanzen, wie Sorgo, Maniok oder Soja. Durch globale Krisen, wie der Krieg in der Ukraine, wurde Weizen mittlerweile teurer und hat den gleichen Preis wie lokale Mehlsorten. Dies ist auch eine Motivation, sich von Importprodukten zu verabschieden: man ist unabhängiger vom Welthandel.

OADEL möchte nun die Produktion von Brot aus lokalem Mehl stärken. Die Brote sollen neben Weizen zu verschiedenen Anteilen auch aus Soja, Sorgo oder Maniok bestehen. Langfristig sollen die Anteile auf nahezu 100% steigen, noch ist Weizen ist aufgrund der Gluteneigenschaften weiterhin notwendig. OADEL stellte fest, dass Landwirte bereits viel Unterstützung erhalten, aber trotzdem arm bleiben und ihre Produkte nicht verkaufen können. So sahen sie das Problem an anderer Stelle: bei der Verarbeitung und Konsument*innen. Sie sensibilisieren Konsument*innen: durch Verkostungen in Schulen zum Beispiel, Märkte, bei denen lokale Produkte verkauft werden, Kochkursen mit lokalen Zutaten, Filmfestivals und Auftritte in Medien. In der Verarbeitung überprüfen sie durch Laboranalysen die Qualität und helfen Frauenkooperativen, sich zu organisieren. Weiterhin arbeiten sie daran, die Produkte gut erreichbar zu machen: eine zentrale Verteilerstelle verkauft die Produkte an Hotels, Bars sowie Läden weiter und eine App zeigt an, wo man in seiner Nähe lokale Produkte finden kann. Außerdem ist die Organisation mit Ministerien in Kontakt und bis 2030 soll die Verarbeitung lokaler Mehle verpflichtender Bestandteil kulinarischer Ausbildungen in Togo werden. Ein großer Erfolg für die NGO!
Wir durften in Lomé drei Bäckereien besuchen, die mit der Organisation zusammenarbeiten, zwei kleine Betriebe und eine großer Betrieb. Sie profitierten insofern von der Zusammenarbeit, dass OADEL sie bezüglich der Verarbeitung lokaler Mehle ausbildete, sie mit Kooperativen der Mehlverarbeitung in Kontakt setzte und bei der Produktvermarktung hilft. Uns wurden alle Produktionsschritte gezeigt und wir durften sogar einige Brote verkosten. Als Deutsche war das der Himmel: einer der Bäcker nimmt bei internationalen Wettbewerben teil, seine Brote waren unfassbar lecker.



Wir besuchten auch eine zweite Organisation: OPED (L’Organisation pour l’Environnement et le Développement durable – Organisation für die Umwelt und nachhaltige Entwicklung). Die ASW unterstützt sie für ein Projekt in Gamé. Dort werden Frauen zu dem Thema nachhaltige Landwirtschaft weitergebildet und dabei unterstützt, sich in Strukturen zu organisieren. Wir besuchten die Frauen, während sie Zertifikate erhielten und konnten uns mit ihnen unterhalten. Ein Problem, welches für sie weiterhin besteht, ist die Wasserversorgung. Momentan können sie nur während der Regenzeit anbauen, da sie zur nächste Wasserstelle weit laufen müssen und das Wasser zu Fuß transportieren. Sie kämpfen auch mit Klimawandelfolgen: die Regenfälle kommen unregelmäßiger sowie stärker. Gemeinsam mit OPED gehen sie diese Probleme an und wir nahmen die Stimmung trotz der Schwierigkeiten positiv sowie optimistisch wahr.

In Lomé lebten wir wirklich im Luxus: mit dem Auto hatten uns die Projektverantwortlichen von den OADEL-Büros abgeholt und nach Gamé gefahren und sie kutschierten uns auch dorthin zurück. So hatten wir am Freitag die Chance, von der Vernetzung OADELS zu profitieren: der Direktor organisierte eine Pressekonferenz für uns, in der wir von unserer Radtour berichten konnten und am Schluss ein Interview für mehrere Radiosender gaben. Sie waren ein sehr dankbares Publikum, wirkten interessiert und stellten Nachfragen. Im Anschluss gab es ein kleines Buffet mit Sojakäse (Tofu), frittiertem Bohnen- und Maisteig und scharfem Dip (auch hier wurden direkt auf sneaky die lokalen Produkte präsentiert). So kurz vor Ende der Radtour fühlte sich das an wie ein Resümee unserer Reise.


Wir sind jetzt in Agbodrafo, wo es für Sarah und Clara das erste Wiedersehen der Reise gab: Wir übernachten bei Freunden, die sie während ihres Togo-Urlaubs im FSJ kennengelernt hatten. Es ist ein verrücktes Gefühl, wieder an Orte zu kommen, die man schon kennt, und den Leuten zu erzählen, auf welche Art man es hergeschafft hat. Uns fehlen jetzt nur noch 20 km bis zur beninischen Grenze. Dort werden sich unsere Wege trennen: Sarah und Clara fahren zu ihrer ehemaligen Einsatzstelle im Südosten des Landes, Selma fährt in den Nordwesten. Nach sechs Monaten zusammen ist das seltsam. Wir haben bereits unser Gepäck aufgeteilt, da kam ein wenig das Gefühl vom ersten September auf: als befände man sich kurz vor dem Aufbruch und träfe noch die letzten Vorbereitungen. Auch wenn wir seit einem halben Jahr unterwegs sind, warten immer neue Abenteuer auf uns.

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