Das rhythmische Klappern von Webstühlen
Agbodrafo – Comè – Porto Novo/ Dassa Zoumé – Pobè/ Okouta-Ossé – Djougou – Natitingou
Nach 6 Monaten, circa 8000 km, 16 Platten und 12 Ländern sind wir endlich an den Zielen unserer Reise angekommen: Sarah und Clara in Pobè, Selma in Natitingou in unseren ehemaligen Einsatzstellen. Am Dienstag erreichten wir gemeinsam die beninische Grenze und fuhren durch die ersten uns bekannten Städte Benins. Wir waren positiv überrascht, wie ruhig die Strassen und die Städte waren. So konnten wir am späten Nachmittag die Küste nur so entlangflitzen. Unsere erste Station in Benin: Comè, die Heimatstadt von Selmas Gastmutter. Wir kamen bei ihrer Schwester unter und unsere Essensvorlieben wurden bereits vorgemerkt: es gab Sojakäse sowie Spaghetti mit Tomatensoße. Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege: Sarah und Clara machten sich auf Richtung Osten nach Porto Novo, Selma gen Norden nach Dassa Zoumé. Unser Abschied war kurz, irgendwie auch emblematisch für unsere Reise. Denn es ist immer viel zu tun und viel los: Wir unterhalten uns mit der Schwester, Selma bereitet Energiebällchen für die nächsten Tage vor, Clara kauft Obst und wir gehen der Abendroutine nach. Und am nächsten Tag wollte vor allen Dingen Selma früh los. So umarmten wir uns kurz und gingen unserer Wege. In Cotonou, vor unserem Rückflug, werden wir Zeit für einen feierlicheren Abschluss haben.

Der Weg für mich (Selma) hoch in den Norden war dann auch weiterhin stressig. Ein letztes Mal auf Komoot hereingefallen bin ich 60 km lang auf Sandpisten gefahren. Als Gimmick zwischendurch gab es dicken Schlamm, über den ich mein Fahrrad tragen musste. Zum Glück bekam ich Hilfe von zwei Jugendlichen, die meine Taschen trugen, während ich mein Fahrrad trug. Kraft findet man in Benin leicht in Form von frittiertem Tofu oder Zwiebelfladen. Trotz Zuckerfasten musste die ein oder andere Cola sein. Ich hatte auch Glück, von den Kontakten meines Gastvaters profitieren zu können: ich übernachtete bei zwei seiner alten Schulfreunde. Bloss an einem Abend musste ich mir selbst etwas suchen, da ich mein geplantes Ziel mit zwei Platten und grosser Müdigkeit nicht erreichte. Ohne Zelt oder Hotels in greifbarer Nähe fragte ich einen Dorfchef, ob ich in seinem Dorf übernachten könne, die erwartete Antwort war: „Es gibt kein Problem.“ So schlief ich vor seinem Haus auf meiner Matratze und andere Kinder und Frauen neben mir, um der Hitze in den Häusern zu entkommen. Davor machten die Kinder und ich noch gemeinsam Dehnübungen; manche Dinge funktionieren auch ohne gemeinsame Sprache. Um drei Uhr morgens stellte ich auf meiner Luftmatratze auf einmal fest, ganz alleine zu sein, wegen der sich ausbreitenden Kälte schienen alle in ihre Häuser geflüchtet zu sein. Doch schon stand der Dorfchef bereit: Mit Zeichensprache bedeutete er mir, von nun an in seinem Salon zu schlafen. Ich leistete Folge und machte mich am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang in anhaltend schläfriger Verwirrung weiter gen Norden.


Zum Ende der Reise ein Dämpfer: Mein Ulnarisnerv klemmte sich kurz vor knapp ein, das kann wohl beim Fahrradfahren passieren, wenn man zu viel Druck auf das Handgelenk gibt. Nicht mal mehr meinen Radhelm konnte ich mit der linken Hand öffnen. So legte ich die letzte Etappe von 80 km mit dem Taxi zurück. Welch Enttäuschung. Sechs Monate lang habe ich mir vorgestellt, wie ich die mir aus dem Bus bekannten Straßen nun mit dem Fahrrad entlangfahren würde mit einem Gefühl grosser Erleichterung. Mit Strapazen und Anstrengungen in den Beinen. Das war auch ein Grund, aus dem ich die letzten Tage mehr als sonst fahren wollte: um angestrengt und erleichtert anzukommen, mit dem Gefühl, dass es genau jetzt richtig ist, da zu sein. Nach Fahrten im Auto oder im Bus bin ich auf eine faule Art müde, sodass ich gar nicht ankommen möchte und am liebsten weiter im Sitz hängen würde. Fahrrad fahren hingegen setzt Energie frei. Aber gut, mittlerweile habe ich diese Enttäuschung überwunden, um jetzt zu trauern, mit der Hand weder weben noch nähen zu können. Dafür höre ich erneut tagtäglich das Klappern der Webstühle, wenn die Auszubildenden ihre Stoffe herstellen und das fühlt sich an wie Zuhause ankommen.

In den letzten Tagen der Reise, in der Hitze und der Anstrengung stellte ich mir seit langem wieder die Frage: warum haben wir das alles eigentlich gemacht, was tue ich hier? Und fand auf dem Fahrrad keine Antwort. Ich tröstete mich damit, dass ich das in meinem anderen Alltag auch nicht weiss. In Natitingou angekommen, kann ich wieder mehr Sinn erkennen. Meine Gastfamilie und die Auszubildenden sind sehr dankbar, dass ich gesund und hier bin. Sie haben extra das Radio eingeladen, damit ich von meinen Erlebnissen berichten kann und wurden auch selbst gefragt, was meine Ankunft für sie bedeute. Sie sagten, unser Projekt habe ihnen gezeigt, dass die Liebe in dieser Welt noch existiere, 8000 km Fahrrad fahren für sie, für Natitingou und für Benin.
Sie tun ihr Bestes, mich „auf den Rücken zu nehmen“. Diese Redensart kannte ich bisher nicht, doch jetzt erfahre ich am eigenen Körper, was sie bedeutet: Von morgens bis abends mit bestem Essen versorgt zu werden, nur erwähnen zu müssen, dass ich gerne Avocado esse und schon steht sie da. Mein ganzes Gepäck wurde einer ordentlichen Grundreinigung unterzogen, sodass ich meine eigenen Klamotten kaum wieder erkenne. Das hatte ich vergessen, wie sehr man als grosse Person in Benin von vorne bis hinten bedient wird. Leider kann ich mit meiner kaputten Hand auch nicht so viel dagegen unternehmen.
Wir (Clara und Sarah) profitierten in Comè ebenfalls vom frühen Start und konnten – mit deutlich weniger Herausforderungen – bis nach Ouidah flitzen, wo wir bewundern konnten, wie die halbe Stadt neu und ausgebaut worden war seit unserem letzten Besuch. Ouidah ist die Touri-Hauptstadt Benins, und von diesem Fakt profitierten wir sehr, weil eine brandneue Straße die „Porte de Non Retour“, das Sklavereidenkmal, direkt mit dem Flughafen verbindet. Noch nicht für Autos freigegeben, konnten wir dort entspannt am Meer entlangdüsen und uns einen guten Teil des Großstadtstresses sparen. Cotonou ist im Vergleich zu anderen Hauptstädten, die wir durchquert haben, aber wirklich ein Spaziergang, wenig Verkehr und auch hier mittlerweile ausgebaute Riesenstraßen. Wir besorgten Gastgeschenke und waren schon am frühen Nachmittag in Porto Novo, unserem Etappenziel für den Tag. Die Nacht verbrachten wir im Centre Esther bei Pastor Victor, der damals unser Einführungsseminar betreut hatte.

Es war ein großes Hallo, denn wir hatten verschwiegen, dass wir mit Fahrrädern kommen. Erst hielten es alle für einen Witz, dass wir den ganzen Weg so bewältigt hatten. Dann wollten sie Beweise sehen und Pastor Victors Sohn nahm sich gleich vor, alle unsere Videos durchzuschauen. Die Auzubildenden im Centre waren auch ganz begeistert über unseren Besuch. Wir konnten bei ihnen im Zimmer übernachten und am nächsten Morgen gab es noch eine ausführliche Fotosession, bevor wir uns zu unserer letzten Etappe aufmachten. Nur noch 60 Kilometer lagen vor uns. Um es uns nicht ganz so leicht zu machen zwar mit stabilem Gegenwind, aber trotzdem erreichten wir gegen Mittag das Ortsschild, auf das wir sechs Monate gewartet hatten: Pobè. Es fühlte sich völlig surreal an, durch die bekannten Straßen zu fahren, ständig links und rechts auf Dinge zu zeigen, die sich verändert haben und dabei zu denken: “ Hier sind wir wirklich mit dem Fahrrad hergekommen?“

Jetzt, nach ein paar Tagen, habe ich es immer noch nicht realisiert, obwohl wir gleichzeitig beinahe sofort wieder in unserem „Alltag“ angekommen sind. Wir bringen die Kinder zur Schule und holen sie nachmittags wieder ab, fahren zum Markt und kaufen Stoffe und Snacks, essen Mamans leckeres Essen, üben abends mit den Kleinen das ABC und lassen uns von den Großen von ihrem Tag erzählen. Wenn wir abends, wenn es schon dunkel ist, in einem Kinderhaufen auf der Rampe vor dem Salon liegen und zusammen in den Himmel gucken, fühlt es sich nicht an, als wären wir vier Jahre weggewesen. Es hat sich viel verändert hier, aber im Kern eigentlich gar nichts, und es ist gut wieder zu wissen, warum wir diese Reise überhaupt begonnen haben – auch wenn wir immer noch nicht realisieren, dass wir jetzt angekommen sind.

Natürlich fragen die Kinder, warum wir nicht mit dem Flugzeug gekommen sind. Im Gottesdienst wurden wir direkt als Beispiel dafür verwendet, dass man alles schaffen kann, wenn man sich wirklich dafür entscheidet. Und letztendlich war es wirklich oft der Gedanke an die Ankunft, der uns Kraft gegeben hat, wenn es schwierig wurde. Aber ohne den Weg, der hinter uns liegt, hätte diese Ankunft überhaupt nicht die gleiche Bedeutung gehabt. Wir haben uns unter anderem auch deshalb für diese Reiseart entschieden, weil wir irgendwie die Kluft schließen wollten, die zwischen unserem Leben in Deutschland und unserer Zeit in Benin liegt. Wir wollten nicht nur Start- und Endpunkt unserer Reise kennen, sondern auch den Weg dazwischen.

Als ich das Alice, einem der Kinder, so erklärt habe, hat sie genickt und gesagt: „Wenn man nicht miteinander reden kann, kann man sich auch nicht verstehen.“ Und ich finde, da hat sie einen guten Punkt. Ich verstehe jetzt immer noch vieles nicht, aber wir haben in den letzten Monaten unendlich viele neue Perspektiven kennengelernt, und dafür bin ich sehr sehr dankbar.

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