Wieder zu Hause
Pobè – Natitingou – Cotonou – Paris – Kaiserslautern
Dieser Blog ist ein Reiseblog, doch nun sind wir zu Hause und reisen nicht mehr. Gerade noch verdichteten sich Abschiede und Ankünfte zu einem Teppich. Tschüs sagen in Pobè, Hallo in Natitingou, nur für drei Tage, dann ein Wiedersehen in Alabomey-Calavi mit meiner Gastschwester und ihrer Tante. An deren nun vierjährigen Enkelin sieht man, wie viel Zeit und wie schnell diese vergangen ist. Von Alabomey-Calavi aus wagten wir uns nochmal ins Geschehen des größten Marktes Benins in Cotonou, Dantokpa. Denn unser Fluggepäck wollten wir ja möglichst füllen, so importierten wir fröhlich Stoffe und Maniokmehl nach Deutschland.

Die Zeit in Benin war für mich, Selma, dann doch zu kurz. Nur drei Wochen in Natitingou, wo ich meinen Freiwilligendienst verbracht hatte. Im Vergleich zu sechs Monaten auf Tour. Und im Vergleich zu zwölf Monaten, die mein Aufenthalt damals dauerte. Vielleicht war es auch zu kurz, da ich mit meiner Handverletzung quasi nichts machen konnte. Kein Weben, kein trommeln lernen, kein Nähen, kein Waschen, kein Fahrrad fahren, tanzen nur eingeschränkt. Enttäuschend daran war, dass ich hauptsächlich durchs Arbeiten mit den Auszubildenden Zeit hätte verbringen können, weil sie immer arbeiten. Wo ich nicht arbeiten konnte, war das dann schwierig. Da kam ich auf die Idee, einige von ihnen zu porträtieren, während sie webten. Sehr herausfordernd, weil sie sich dabei viel bewegten. Und singen konnte ich auch, so ging ich zu jeder Chorprobe mit meinem Gastbruder Noah.

Ich war erstaunt, wie schnell alte Konflikte, die mir aus meinem Freiwilligendienst bekannt waren, wieder auftauchten. Mein ehemaliger Mentor hatte schon während meines Dienstes immer andere Ansichten als meine Gastfamilie. Ich stand dann zwischen beiden Anweisungen, die Entscheidung für einen Ratschlag schien wie die Entscheidung für eine Person und gegen die andere. Dieses Mal ging es um die Frage, ob ich entweder mit den Auszubildenden ins Schwimmbad gehe oder das Geld in die Hand nehme, um ihnen ein Sportoutfit zu kaufen. Beides kostete ungefähr 50€. Zuerst hatte ich mit meiner Gastmutter und Leiterin des Zentrums Juliette das Schwimmbad ausgemacht, als ich meinem ehemaligen Mentor Toussaint jedoch davon erzählte, war er der festen Überzeugung, dass maillots viel besser wären. Maillots könnten mindestens drei Jahre halten und seien teuer, im Schwimmbad habe man vielleicht einen schönen Tag, aber danach nichts mehr davon. Er kenne Kinder und junge Menschen, er arbeite ja mit ihnen.

Ehe ich es mich versah hängte er an unseren Ausflug ins Krankenhaus einen Ausflug zum Sportklamottenladen hintendran und ich sah mich die Sportklamotten direkt kaufen. Ein paar Mal widersprach ich schwächlich, doch gegen Toussaints Elan kam ich nicht an. Als ich zurück ins Zentrum ging, machte ich mir Sorgen, weil ich ja das Schwimmbad versprochen und die Planänderung nicht abgeklärt hatte. Wenn ich mit einer Riesentüte ins Zentrum reinspaziere kriegen das ja auch alle sofort mit. Direkt fragte mich meine Gastmutter, was es denn damit auf sich habe. Ich floh in mein Zimmer und rief, später! Später machten Juliette uns Sorgen, sie meinte, Schwimmbad sei natürlich viel besser für die Azubis, ins Schwimmbad kämen sie sonst nie. Sportklamotten könnten ihnen auch ihre Eltern kaufen. So fragten wir die Azubis selbst und zum Glück, sie fanden die Sportklamotten besser. Alles Trikots von Real Madrid.

Oder mein anderer Lieblingskonflikt: die Frage, wie viel die Azubis arbeiten sollten, was sie für die Ausbildung geben müssen oder bekommen. Wird von mir anders beantwortet als von meiner Gastmutter. Da werden kulturelle Unterschiede deutlich. Für mich war es schwer, in diesem System zu leben und davon zu profitieren, da ich es als ungerecht empfand. Dass ich immerzu bedient wurde. Ich konnte leider wenig dagegen unternehmen, da ich mit der verletzten Hand vieles nicht machen konnte und auf Hilfe angewiesen war. Im Endeffekt war es dann auch gut, wir hatten eine gute Zeit und ich habe nicht mehr so viel darüber nachgedacht.

Auch uns, Sarah und Clara, fiel schnell auf, dass alte Herausforderungen aus dem FSJ wieder aufkamen. Wir hatten vorher viel darüber nachgedacht, wie lange wir in Pobè sein wollten, waren aber am Ende sehr zufrieden mit den drei Wochen: Genug Zeit, alle wiederzusehen, alle von den Kids gewünschten Aktivitäten durchzuführen (Pudding, Stockbrot, Schatzsuche, Filmabend…) und ein bisschen durchzuatmen nach der langen Reise. Aber auch kurz genug, um sich nicht nach einer „richtigen“ Aufgabe zu sehnen und nicht zu sehr wieder in die alte Rolle zu rutschen, irgendwie alles vor Ort regeln zu wollen, Lösungen für alles zu finden. Ich, Sarah, habe gemerkt, dass ich mich mittlerweile besser abgrenzen kann, ob das nun die letzten vier Jahre oder auf der Reise passiert ist, aber es war ein gutes Gefühl zu merken, dass ich jetzt besser trennen kann was mir gut tut und was nicht.

Wir verbrachten viel Zeit mit unserer Maman, brachten die Kids zur Schule und wieder nachhause, sahen unseren Mentor wieder und waren samstags bei unserem alten Sportclub, wo erstmal überprüft wurde, ob wir denn auch ohne sie brav weiter Sport gemacht hätten (unsere Anreisemethode wurde dann als gültig akzeptiert). Das schönste war für mich, wie wenig Distanz zwischen uns und den Kids entstanden war. Es hat sich von Anfang an so angefühlt, als wären wir kaum weg gewesen, und selbst die Kleinen, die uns eigentlich gar nicht kannten, haben sich schon beim ersten Abholen an der Schule unsere Hände geschnappt und sind mit uns heimmarschiert. Manche Kids sind jetzt größer als ich, manche schon in Ausbildung, können mittlerweile Lesen und Schreiben, und es ist ein beruhigendes Gefühl, dass alles immer irgendwie weitergeht.

Ende März reisten Clara und ich hoch in den Norden und wir waren bei der libération (wörtlich übersetzt „Befreiung“) von drei Frauen dabei. Sie hatten ihre Ausbildung beendet und wir feierten ein großes Fest in der Webhalle. Formidables Essen, Tanzaufführungen und die feierliche Übergabe der Diplome und Webstühle inklusive. Wir sahen schnell: je mehr Geld man den Diplomierten als Geschenk mitbringt, desto besser und ausgelassener wird die Stimmung. Auch den Tänzerinnen kann man während ihres Auftritts Geld an die Stirn kleben, hätten wir das vorher gewusst, hätten wir uns vorbereitet. Nach dem offiziellen Teil feierten die Diplomierten noch bei sich zu Hause weiter. Wir anderen liefen zu ihnen nach Hause, um „le chaud“ zu machen, also die Buden nochmal schön aufzuheizen. Mit lauter Musik und enormer Tanzmotivation.

Das war unser letzter Tag in Natitingou. Es war auch etwas schade, sich dann nicht so richtig zu verabschieden, weil die Feier im Vordergrund stand. Denn am nächsten Morgen fuhr der Bus schon um halb sieben. Ich wollte nicht gehen und wollte nicht tschüss sagen. Wir hatten den Eindruck, die Heimfahrt passiere um uns herum, ohne dass wir aktiv eingewilligt hätten. Der Bus fährt und dann sitzt man halt drinnen. Die Zeit schritt ohne unser Einverständnis voran.
Trotzdem freuten wir uns, zu Hause anzukommen und unsere Familien wiederzusehen. Wieder frische, kalte Luft zu atmen. Am ersten Abend gab es direkt leckerste Lasagne und Bratkartoffeln. Und weitere Abenteuer, die auf uns warten. Denn die Anfangsaussage stimmt nicht, wir reisen immer weiter. Ich, Selma zog nach Straßburg um, fuhr noch kurz nach Dresden und bin jetzt auf der Reise nach Straßburg, um ein Praktikum in einem französischen Büro zu beginnen. Clara musste ebenso ihren Umzug in Frankfurt managen und fuhr nach Rostock, ihre Familie besuchen. Sarah zieht jetzt in Erfurt mit ihrem Freund zusammen, also starten für uns alle neue Kapitel.


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