Vierte Woche auf dem Rad

Von Lasagne über Dosengemüse bis Couscous

Nîmes – Montpellier – Sète – Tanger Hafen – Tanger

Regenreiches Nîmes. Regenreich und unübersichtlich. Kinder erschrecken uns und es ist kalt. Wir stellen uns unter. „Beim Sport, da ist Regen egal“, ruft uns ein Jogger zu. Doch wir wissen noch nicht, wo wir schlafen werden, heute Nacht und wir möchten nicht unnötig nass werden. Wir fahren aus der Stadt raus ins Gebüsch hinein und finden einen guten Schlafort.

Diese Woche sind wir wenig Fahrrad gefahren, denn wir hatten noch Zeit, bevor die Fähre aus Sète abfuhr. Zu Beginn der Woche blieben wir zwei Nächte in Montpellier bei einem Gastgeber über Warmshowers. Vertrauensvoll gab er uns bei seiner Arbeit seine Schlüssel und wir checkten seine Wohnung aus. Bereits der Garten war so ordentlich, dass wir uns nicht trauten, das Haus in unserem dreckigen Zustand zu betreten. Erstmal schwimmen in seinem Gartenpool! Mit Mathieus Werkzeug konnten wir auch prima unsere Fahrräder pflegen und zu einem französisches Apéro lud er uns auf seiner Terrasse ein.

Sarah und Clara im Gartenpool

Es ist toll, all diese verschiedenen Häuser und Leben zu sehen und das Privileg zu haben, dass Menschen einem einen Teil ihres Lebens zeigen. Viele haben hilfreiche Reise- und Fahrradtipps. Scheinbar befinden wir uns aufgrund der Reiseübernachtungsportale viel in der Reisebubble. Meist haben wir direkt ein Gesprächsthema und Menschen wundern sich wenig über einen, da sie schon die Gewohnheiten und Spezialitäten anderer Reisender kennen. Man reist aber auch ein wenig geglättet, konfliktfreier, zumindest nehmen wir das so wahr. Wir fühlen uns ziemlich schnell wohl überall und zuhause. An so ziemlich jedem Ort dachten wir, hier ist es gemütlich, hier könnten wir auch länger bleiben. Wegen den Menschen, die diesen Ort, ihr Zuhause, kreieren. Trotzdem fiel es uns bisher nicht schwer, wieder zu fahren. Denn wir haben ein klares Ziel und Menschen in Benin, die uns erwarten. Und wir möchten die Gastfreundschaft nicht überstrapazieren.

warmshowers- Unterkunft <3

In Sète waren wir auf einem Campingplatz mit Ausblick auf das Meer und es war toll, mit eigener Beinkraft dorthin gekommen zu sein. Dann einschiffen mit wenig Ahnung, wie das so abläuft auf einer Fähre 46 Stunden lang. Gibt es dort Trinkwasser? Wlan? Wie teuer ist das Essen? Wir sorgten einfach vor mit unserem gefüllten Wasserfilterbeutel, kalten Dosenravioli- und gemüse, einer Wassermelone und viel Brot. Eine gute Entscheidung, denn 1l Wasser: 4€, ein GB: 7€. Mit der Fähre zu reisen können wir nun auf jeden Fall weiterempfehlen, denn es ist eine menschliche Geschwindigkeit. Im Flugzeug finden wir es schwierig zu begreifen, dass man sich unter Umständen in einem vollkommen neuen Kontext befindet. Als wir diesen Samstag in Marokko ankamen, hat es sich passend angefühlt.

Wir auf der Fähre in Sète
Fähre nach Tanger

Wir schifften dann in Tanger Hafen ein und fuhren 40 km bis zu unserem Couchsurfing-Gastgeber in Tanger. Er ist extrem freundlich. Als ziemlich erstes sagte er uns, dass wir wie Familie sind und wir immer mitessen können. Er wohnt im Zentrum Tangers mit seiner Mutter zusammen und sie versorgen uns von morgens bis abends mit extrem leckeren veganen Essen. Unser Highlight ist eine Art Griesbreifladen und heute Abend gibt es noch Couscous, darauf sind wir sehr gespannt. Unser Gastgeber Ismael nimmt uns immer wieder mit in die Stadt und hat uns schon den nächsten Markt gezeigt. Wir dackeln wie Entenkinder hinter ihm her und halten alle fünf Minuten an, wenn er Freunde aus dem Viertel begrüßt. Er hilft uns bei Orga-Kram, wie dem Kauf von Simkarten. So sind wir froh, in Tanger zwei Nächte zu bleiben und derlei Dinge mit ortskundiger Hilfe regeln zu können. Morgen starten wir dann mit einer kürzeren Tour unsere Afrika-Tour, denn ein Pärchen hat uns bereits in ihr unweit gelegenes Haus eingeladen.

Auf dem Weg nach Tanger

In Afrika fühlen wir uns nun mehr wie Touris. Natürlich waren wir das auch schon in Europa. Aber da fühlten wir uns weniger ahnungslos. Wir konnten die Sprachen und sahen, wenn wir nicht in vollständiger Fahrradmontur unterwegs waren, nicht wie Fremde aus. Die Möglichkeit, inkognito unterwegs zu sein, haben wir jetzt nicht mehr. Wir sind leicht übers Ohr zu ziehen, wir verhalten uns womöglich unangemessen, wenn wir die Kultur nicht verstehen, wir sind auffällig. Unsere Meinungen unterscheiden sich stärker vom Mainstream und müssen genauer darüber nachdenken, wie wir uns verhalten. Wir wissen noch nicht genau, was wir von unserem Touristatus halten. Bei unserer ersten Tour von Tanger Hafen nach Tanger bekamen wir direkt viel Aufmerksamkeit. Wir wurden angefeuert, Menschen winkten uns zu und hupten uns an. Das war sehr motivierend, wir kamen die Berge viel einfacher hoch und wir nehmen uns vor, Sport machende Menschen in Zukunft auch so zu unterstützen. Ist ja irgendwie toller, als aus dem Auto angewütet zu werden, dass es auch einen Fahrradweg gibt. Alle Menschen verdienen diese Unterstützung. Doch wir werden wohl wegen unserer Hautfarbe, unserem Geschlecht und unserer Rarität besonders behandelt. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft sind in Marokko wichtige Werte. Was (für uns) toll ist. Es ist bloß traurig, dass Menschen, die Deutschland besuchen, wohl nicht auf die gleiche Offenheit und Begeisterung treffen. Die Frage, wie man sich als deutsche Touris verhält und wie man mit dem Status umgeht, wird uns auf der Reise bestimmt noch oft begegnen. Es ist auch eine persönliche Wachstumsmöglichkeit, da man auf Hilfe angewiesen ist und lernen muss, nach dieser zu fragen. Hilfe annehmen zu können, dankbar zu sein und sein Bedürfnis nach Kontrolle oder Selbstständigkeit zu hinterfragen.

angekommen in Tanger

2 Antworten zu „Vierte Woche auf dem Rad“

  1. Avatar von Julia Bingeser
    Julia Bingeser

    Ich freue mich jede Woche auf die tollen, reflektierten und spannenden Berichte. Und bin gespannt, was wir noch mit euch miterleben dürfen.

    1. Avatar von admin

      Dankeschön! Für uns ist es auch schön die Wochen immer noch einmal Revue passieren zu lassen 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert