Siebte Woche auf dem Rad

Vor uns die Wüste. Im Rücken 2500 km

Tamraght – Anou Izem – Sidi Ifni – Guelmim – Rass Oumlil – El Ouatia

Eine verkürzte Woche liegt hinter uns, da wir unseren letzten Pausentag von Sonntag auf Montag verschoben hatten. Dafür war sie irgendwie anstrengender als sonst. Die Kilometer sind schwerer. Die Beine müder. Woran man beim Treppensteigen und ähnlichem erinnert wird. Vielleicht machen sich die vielen Tage auf dem Fahrrad bemerkbar. Vielleicht ist es schwierig, immer wieder die Motivation zu finden, der täglichen Routine nachzugehen. Morgens. Aufstehen um sieben Uhr (an motivierten Tagen). Isomatte und Schlafsack zusammenfalten, Sachen einpacken. Obst schnippeln und aufs Klo gehen, je nach dem. Selma belegt Weißbrote mit Avocado und Erdnussbutter, die halb befallenen Datteln werden begutachtet. Clara füllt die Flaschen auf, Sarah schließt die Fahrräder ab, Zeltabbau, laden der Taschen auf die Fahrräder. Acht Uhr. Frühstück. Neun Uhr. Route checken, Garmin anschmeißen.

Marokkanischer Schwarztee mit Minze und Zucker

Drei Weiße brechen aus dem Gebüsch und haben wieder einmal vergessen, ihre Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Mit von Eisenmangel weißen Gesichtern beginnen sie, Kilometer, Straßen und Landschaften hinter sich zu bringen. An glücklichen Tagen finden wir nach zwanzig oder vierzig Kilometern eine Bisara. Das ist eine Suppe aus pürierten Bohnen mit Olivenöl und Kreuzkümmel. Sonst wieder Weißbrot. Oder ein Markt mit frischem Obst und Gemüse. Weitere Wegesaufgaben: Post finden, Wasser aus 5l-Flaschen kaufen oder unsere dieswöchige Wiederentdeckung, unseren Wasserfilter nutzen, Müll entsorgen.

Bisara für Clara

Eine kalte Cola trinken und Clara zuschauen, wie sie davon zittrig wird. Nächstes Mal lieber überzuckerte Fanta. Ein Berg in Sicht. Schweiß und dann Sonnencreme draufschmieren, schöne Fett-Salz-Sandschmiere auf der Haut. Und wir haben wieder einen Ausblick, wie aus einer anderen Welt. Am Samstag waren es sandige Berge, die Straße kilometerweit sichtbar in die Felsen hineingeschneist. Die mittelvielen Autos überholen uns mit gutem Abstand, bei einer vierspurigen Straße ist genügend Platz für alle da. Einige LKW-Fahrer hupen uns Mut zu und freuen sich, wenn wir zurückwinken. So wie wir uns früher gefreut haben, wenn LKW-Fahrer auf unser kindliches Winken mit einem Hupen antworteten.

Straße nach Rass Oumlil

Der Wind scheint aus allen Richtungen zu kommen und wir nehmen zu dritt nebeneinander eine Spur ein, denn niemand weiß, wo der Windschatten am besten ist. Mittags Instapost absetzen, nächste Schlaforte abchecken, mit couchsurfing-Menschen schreiben. Sechzehn Uhr oder Siebzehn Uhr oder noch später oder plötzlich um vierzehn Uhr. Wir sind am heutigen Zielort angekommen. Plane ausrollen. Ratlos in der Gegend herumstehen. Dusche ich? Was ziehe ich an? Wasche ich mit dem hertransportierten Dreckswasser? Brief oder Postkarte schreiben oder anderen Organisationskram von zuhause machen. Die Bank wartet auf eine Antwort. Keine Ahnung, vielleicht wen von zuhause anrufen. Doch der Magen knurrt, kurzfristige Entscheidungen werden für den Moment getroffen. Nudeln kochen wir in Tomatensoße mit unserem Spiritus-Kohlekocher. Wir schnippeln Karotten, Paprika und Tomaten. Hauen ein Riesenglas Kichererbsen und Erbsen rein. Zelt aufbauen, Isomatte und Schlafsack rein, Kram sortieren, ins Zelt hinein, Sarah und Clara schreiben Tagebuch, schlafen.

Pausentag auf dem Campingplatz

Manche sagen, reisen macht frei. Ist es das Reisen an sich, welches einen lehren kann, frei zu sein. Freier zu denken, zu fühlen und zu handeln. Seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Oder ist das Reisen ein momentaner Zustand der Freiheit, da es keinen Zeitmangel mehr gibt und man mehr Möglichkeiten hat. Wie dem auch sei, ich empfinde keines von beidem. Wir sind zu dritt und haben gemeinsame Ziele und Vorstellungen, für die ein Zeitplan existiert. Kilometerzahlen. Ein Verantwortlichkeitsgefühl sich selbst gegenüber, seiner Zeit und dem Privileg eine solche Reise machen zu können. Aufgaben zu dritt, die man gemeinsam erfüllen möchte. Also trifft man Absprachen und erklärt sich, warum man was wie machen möchte. Spontan das machen, worauf man Lust hat, ist da nicht drinnen.

Zelten im Flussbett

Nach seinem Gusto leben, geht alleine in einer WG lebend wohl besser. Wenn seine Aufgaben nur Auswirkungen auf einen selbst haben und man einen unabhängigen Schlafrhythmus pflegt (Studierendenleben genießen). Natürlich, was ist Freiheit schon. Als Mensch ist man abhängig und Regeln unterworfen. Das Freiheitsgefühl resultiert für mich aus einem Gefühl der Selbstwirksamkeit. Dem Eindruck, meine Ideen einbringen zu können und Entscheidungsfreiheiten zu haben. Die Routinen machen uns effizienter und geben dem Tag eine Struktur. Und Quality Zeit zu dritt macht uns Spaß. Gemeinsam neue Menschen und Orte kennenlernen, ein Abendessen genießen. Zusammen entscheiden, sich heute etwas Gutes zu tun. Sich an Momente erinnern und gemeinsam in eine Zukunft blicken.

Wir bei Hafid in Guelmim

Wir nähern uns nun immer weiter der Sahara. Die Stadt Guelmim, das Tor der Wüste, haben wir schon passiert. Doch wo genau die Sahara jetzt anfängt, ist uns unklar, erhalten wir diesbezüglich unterschiedliche Informationen. Zumindest müssen wir nun auf unsere Wasser- und Essensversorgung Acht geben, denn Städte, Dörfer oder Geschäfte werden langsam, aber sicher zur Rarität. Nächste Woche machen wir uns auf nach Laayoune an der Küste entlang.

Der Wasserfilter im Einsatz

Unser Video zu dieser Woche:


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