Achte Woche auf dem Rad

Der Beginn von Blau, Gelb, Grau

El Ouatia – Akhfennir – Tah – Laayoune – El Marsa – Lamssid – Boujdour

Eine rasende Woche liegt nach unserem Zeitempfinden hinter uns. Die letzte Sonntagspause vor dem Fahrradfahren verlief sehr entspannt, denn erstmals verbrachten wir sie auf einem Campingplatz und nicht in der Natur oder bei Gastgeber*innen über Couchsurfing. Es sind natürlich die Begegnungen mit Menschen, die unsere Reise lebendig machen, doch wir merken, dass wir dafür auch Energie brauchen. Daher waren wir froh, mal einen Tag ohne Radfahren oder Gastgeber*in zu verbringen und uns um organisatorischen Dinge zu kümmern. Clara druckt Reisepasskopien für Polizeikontrollen aus, kauft neues Internet, wir putzen unsere Fahrräder ausführlicher, machen Insta-Videos und den Blogeintrag. Selma arbeitet weiter an ihren Bewerbungen für ein Architekturpraktikum im Anschluss an die Reise. So kann man auch einen Tag füllen.

Kochen auf dem Campingplatz

Am Montag starten wir gestärkt in die erste Wochenetappe. 120 km und wir stellen einen neuen 40 km-Geschwindigkeitsrekord auf. Bisher rollt es sich in der Sahara wirklich gut. Wir haben zumeist Rückenwind, die Straße ist super: entweder vierspurig oder seit Laayoune zweispurig mit Seitenstreifen, auf dem wir uns sicher fühlen. Es gibt nicht viel Verkehr. Viele Lastwagen sind unterwegs, dafür kaum Autos oder Motorräder. Bei unserer ersten Nacht finden wir direkt einen Premiumschlafplatz über „iOverlander“: den dachlosen Anbau einer Moschee, windgeschützt und von der Straße aus nicht sichtbar.

Kaffeepause am Straßenrand

Und schon von Weitem erkennen wir, dass wir nicht die einzigen Radreisenden sind, die den Schlafplatz hitten möchten: Zwei Gestalten mit massiv beladenen Fahrrädern, Neonjacken und Turbanen stellen sich bei näherer Betrachtung als Mohammed und Jamal heraus. Ehemalige Soldaten aus Nordmarokko, nun Rentner, zwei langjährige Freunde, die einen Monat lang durch Marokko reisen. Sie heißen uns willkommen, bieten uns eines ihrer Zelte an und kochen Tajiine (ein marokkanisches Gericht bestehend aus geschmortem Gemüse) für uns. Abends verlegen sie ihren Schlafplatz zwischen die Straße und unsere Zeltecke, vielleicht ein väterlicher Beschützerinstinkt. Wir wünschen uns am nächsten Morgen gegenseitig eine gute Reise. Unsere neuen Freunde schwingen sich schon um sieben auf das Fahrrad, wir trödeln mal wieder bis um zehn. Auf unserer weiteren Wochenroute ist es unser Highlight, ihnen immer wieder zu begegnen. Mal an der Tanke, dann in Tah oder am Wegesrand, wenn sie für ihre Videos anhalten. Mohammed filmt Jamal, der alles Wissenswerte über die Umgebung erklärt. Wir sind stolz, auf ihrem Youtube-Kanal nun auch stabil vertreten zu sein (wer sich das 80-minütige Meisterwerk anschauen möchte: https://youtu.be/hc4IbKbPjTg?si=yaSjIGX7IkXO5Lk7, wir tauchen ab Minute 36 immer mal auf :).

Jamal, Mohammed und wir vor einer Tankstelle

Besonders gespannt waren wir auf Laayoune, die größte Stadt der Westsahara. Es ist erstaunlich durch die Wüste zu fahren, wo wir nur Sand, Steine, Stromleitungen und den blauen Himmel sehen. Und dann tauchen vor uns Städte auf, wie aus dem Boden gestampft. Meistens schon kilometerweit sichtbar in der Hitze flimmernd. Nach Laayoune führt ein großer, bepflanzter Boulevard mit wehenden marokkanischen Flaggen. Wir ballern in die Stadt hinein über einen großen Fluss und mit tollem Blick auf die Häuser. Danach hängen wir ein bisschen ratlos in den Straßen herum, denn unser Couchsurfing-Gastgeber meldet sich nicht.

Nutztiere in der Sahara

Zum Glück hatte uns die Polizei trotzdem in die Stadt hineingelassen. Bei größeren Städten fordert sie uns nun auf, unsere Reisepässe zu zeigen sowie anzugeben, wo wir übernachten werden, und ruft unsere Gastgeber an. Das ist ein Unterschied, den wir im Gebiet der Westsahara merken, in welches wir diese Woche gekommen sind. Der Westsaharakonflikt ist bis heute ungeklärt. Das Auswärtige Amt warnt aufgrund der unklaren politischen Lage vor der Region. Wir haben hier keine Probleme und merken erstmal nicht, dass wir in ein anderes Gebiet gekommen sind. Das Land steht unter marokkanischer Verwaltung – Amtssprachen, Währung und Militär bleiben gleich. Wir mussten keinen Grenzgang passieren. Es leben 10-30% Sahrawis hier und ansonsten Marokkaner*innen. Die Sahrawis sprechen einen anderen arabischen Dialekt und stammen von nomadischen Menschen aus der Westsahara ab.

Museumbesuch in Tarfaya

Vor der Kolonialisierung betrieben die nomadischen Gruppen Handel mit dem marokkanischen Sultanat und standen mit diesem verschieden intensiv in Verbindung. Durch Spaniens, Großbritanniens und Frankreichs Kolonialisierung enstand eine Ländergrenze zwischen der Westsahara und ihren Nachbarländern. Die Westsahara wurde von Spanien kolonialisiert und erhielt ihre Unabhängigkeit später als das großteils von Frankreich kolonialisierte Marokko. Dieses sowie Mauretanien erhoben Ansprüche auf das Land, die Frente Polisario rief hingegen die Demokratische Arabische Republik Sahara (DARS) auf dem Gebiet der ehemaligen spanischen Kolonie aus. Sie sind die bewaffnete Unabhängigkeitsbewegung der Westsahara.

Heute lebt der Großteil der Sahrawis (170 000 Menschen) in Flüchtlingslagern in Algerien- nun schon seit 40 Jahren abhängig von humanitärer Hilfe. Die Frente Polosario hat hier im Exil politische Strukturen aufgebaut. Ein Referendum soll über die Zugehörigkeit der Westsahara entscheiden, jedoch werden sich Marokko und die Frente Polisario seit Jahrzehnten nicht über die Wahlberechtigten einig, weshalb die Situation stagniert. Die Konfliktnarrative der Seiten unterscheiden sich fundamental. Die Frente Polisario betrachtet die Westsahara als letzte Kolonie Afrikas und prangert an, dass Marokko wirtschaftlich von dem Phosphatvorkommen sowie dem Fischereigründen des Landes profitieren. Marokko sieht sich als Beschützer seines Staatsgebietes sowie der Sahrawis und sieht keine ausreichenden kulturellen, geschichtlichen oder ethnischen Unterschiede zwischen Marokkaner*innen und den Sahrawis. International erkennen 46 Staaten die Unabhängigkeit der DARS an, die USA und Frankreich unterstützen hingegen Marokko in dessen Anspruch auf die Westsahara.

Bevor wir in 10 Tagen die mauretanische Grenze überqueren, werden wir davor sieben Kilometer durch das von der Frente Polisario kontrollierte Gebiet fahren. Laut Reiseberichten anderer Bikepacker ist auch dieses Vorhaben unproblematisch. Als Touristen, die sich in den unkritischen Gebieten aufhalten, kriegen wir von dem Konflikt wenig mit. Ab und an fragen wir unsere Gastgeber*innen nach ihren Meinungen zu dem Thema. Die Versionen sind recht unterschiedlich, aber wir sind froh, dass das Thema kein krasses Fettnäpfchen darstellt.

Sonnenuntergang auf dem LKW-Rastplatz

Folgendes sind unsere Quellen zu dem Thema, wer sich weiter informieren möchte, kann hier nachlesen:

https://frieden-sichern.dgvn.de/konflikte-brennpunkte/westsahara

https://www.gfbv.de/de/zeitschriftfuervielfalt/archiv/314-mauern-ueberwinden-grenzen-unserer-welt/westsahara-konflikt-die-mauer-die-fast-niemand-kennt

https://scholarzest.com/index.php/esj/article/view/4647

https://en.hespress.com/72771-moroccos-sovereignty-over-the-sahara-a-just-claim.html?utm

Die nächste Stadt, die wir ansteuern wollen, ist Dakhla, bis dahin werden wir kaum auf Orte treffen. Wir wollen uns deshalb in Boujdour noch mit ausreichend Obst und Gemüse für die nächsten Tage eindecken und uns ansonsten von Tankstelle zu Tankstelle arbeiten -die sind hier in der Regel gut ausgestattet mit Laden, Café, Restaurant, Toiletten und meistens auch einem ruhigen Eckchen zum Übernachten.

Unser Video zu dieser Woche:


2 Antworten zu „Achte Woche auf dem Rad“

  1. Avatar von Elisabeth Krummel
    Elisabeth Krummel

    Tolles Erlebnis. Lese und schaue immer mit großer Neugier und Begeisterung eure Berichte und Videos auf Instagram. Eure Fahrradtour durch die Schweiz, Frankreich, Marokko, Westsahara und bald Mauritanien und viel mehr lässt uns verschiedene Kulturen entdecken und dieses Abenteuer miterleben.
    Ich wünsche euch noch viel Spaß und tolle Begegnungen. Liebe Grüße. Elisabeth Krummel

    1. Avatar von admin

      Hallo Elisabeth,
      das freut uns sehr, vielen Dank!
      Ganz liebe Grüße, gerade aus Dakhla☺️

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