Immer wieder sonntags

Ziguinchor – Kolda – Biarou – Kénéba – Koundara

Auch wenn in den Ländern, die wir durchqueren, Sonntage nicht so ein Ding sind, überrollt es uns doch manchmal: das Sonntagsfeeling. Der Tag, an dem nichts geht. Er sollte eigentlich toll und besonders weil Wochenende sein, wirkt aber manchmal wie ein Übergangstag und scheint durch den Neubeginn der nächsten Woche überschattet. Zumindest nahm ich den Sonntag zu Schulzeiten so wahr. Keine Geschäfte haben offen, auf den Straßen wartet das Grau. Heute hat der offizielle Simkartenshop nicht offen, das heißt wir können uns keine guineischen SIM-Karten kaufen, haben kein Internet.

Das wirkt erstmal wenig dramatisch. Aber es sind die nervigen Umstände außenherum. Direkt nebenan verkauft ein Laden auch sonntags ein gewisses Kontingent an SIM-Karten, das haben wir gestern herausgefunden, als wir auch schon enttäuscht vor verschlossener Tür standen. Heute stellten wir fest, dass er nur an Menschen aus Guinea SIM-Karten verkaufen kann und wir bis morgen warten müssen. Ein Mitarbeiter, der da auch sitzt, stellt uns in Aussicht, eine bereits registrierte SIM-Karte von ihm zu kaufen. Wir werden hellhörig. Bloß ist die bei ihm Zuhause, ein Freund könne die bald bringen. Wir warten also. Länger. Dann beginnt der Mitarbeiter aufdringlich zu werden, als nur noch eine von uns wartet: „Du bist zwar verheiratet, aber zum Essen kann ich dich doch trotzdem einladen.“ Der Warteposten wird also einstweilen aufgegeben und bei späterer Rückkehr ist weder der Freund, noch er selbst da. Nochmal warten. Dann kaufen wir uns eine eigene SIM-Karte auf dem Busbahnhof, ohne Registrierung und für teurer als normalerweise.

Sarah ist noch nicht fit:
Wir nehmen den Bus nach Kolda
Und dürfen erstmal ganz vorne sitzen:)

Was steht noch auf der Sonntags-to-Do-Liste? Wäsche waschen. Doch das Wasser bei unserer Gastgeberin läuft nicht und wir wollen nicht zu viel von dem Vorrat nehmen. Sie scheint schon den ganzen Tag genervt und wir fragen uns, ob das mit uns zusammenhängen kann. Denn von einer starken Freiwilligkeit der Gastfreundschaft kann man nicht sprechen. Wir füllten gestern Abend bei einem zu freundlichen Mann unsere Flaschen auf und hielten es später für eine gute Idee, ihn zu fragen, ob wir nicht auch in seinem Hof unser Zelt aufschlagen können. „Kein Problem! Na klar!“ Nur sei es besser, bei seiner kleinen Schwester im Haus zu übernachten, da könnten wir duschen und auf Toilette.

Die wurde ein wenig vor vollendete Tatsachen gestellt, als wir hier mit unseren drei Fahrrädern und Zelt in ihrem Wohnzimmer auftauchten. Und jetzt bleiben wir auch zwei Nächte statt einer Nacht, da es Sarah schlechter statt besser geht. Das Gebäude direkt gegenüber ist ein Hotel, in das uns auch die Hotelbesitzerin leiten wollte, als wir durch das Viertel liefen. Und die Gastgeberin mutmaßt, dass wir auf der Reise sehen wollen, wie sehr Afrikaner*innen leiden. Sie ist Lehrerin und wohnt mit ihrem kleinen Sohn zusammen, der ihr immer wieder kichernd entwischt, um zu beobachten, was wir so tun. „Nicht ihr bezahlt uns, Gott tut es!“ sagt Mamadou, ihr flaschenfüllender  Bruder, als er abends vorbeikommt. Wir hinterfragen trotzdem mal wieder ein bisschen unseren Reisestil. Es ist halt spannender mit „echten“ Menschen in Kontakt zu kommen, als von Hostel zu Hotel zu gurken. Das bestätigt uns auch unser Gastgeber in Kolda.

Zelten im Garten unseres Couchsurfing-Hosts Elhadj

Wir können vier Nächte in dem Hof seiner Großfamilie unter einem riesigen Mangobaum zelten und er zeigt uns bei einem Spaziergang beliebte Orte Koldas: Ein öffentlicher Garten mit Bühne, zum Verwaltungsgebäude schaffen wir es leider nicht mehr. Wir staunen, wie ein gesichtsloser Ort auf maps me plötzlich einen Charakter bekommt und greifbar wird. Die Frauen des Hofs laden uns spontan zu einem Fest ein: Sie finden sich mit mehreren Frauen aus dem Viertel zusammen und wirken mit Ritualen daraufhin, dass länger kinderlose Frauen Kinder bekommen. Zuerst kriegen wir überraschenderweise ein zweites Mittagessen: eines der besten Reisgerichte der Reise.

Dann wird getanzt und wir bekommen ein bisschen Angst vor einer Frau mit Hut und glasloser, verbogener Brille. Direkt bei unserer Ankunft rennt sie auf uns zu und umarmt uns fett. Zum Amusement aller. Beim Tanzen läuft sie mit einem Mangobaumblätterstock herum und drischt auf andere Anwesende ein. Einmal noch rennt sie rufend auf uns zu, wieder lachen alle, als wir uns erschrecken. Zum Glück nehmen sich zwei Teenager unser an und erklären uns alles, was so passiert. Von ihnen erfahren wir, dass diejenige, die sich am dollsten ein Kind wünscht, erst zwanzig Jahre alt ist. Sie finden das auch recht jung und meinen, sie wollen erst so mit dreißig heiraten. Wir haben gehofft, uns vor dem selbst tanzen drücken zu können. Doch das ist zwecklos. Wir haben den Eindruck, nur planmäßig zuzuschauen, wäre unhöflich. Doch wir bereuen unsere Auftritte nicht, da auch sie sehr erheiternd wirken.

Unser letztes Festmahl im Senegal (Reis mit Gemüsesauce-ultra lecker!)

Nur eine profitierte leider wenig von der Sause: Sarah war die ganze Woche erkältet und es scheint nicht besser zu werden. So planen wir unsere nächsten Reiseziele immer wieder um, da wir ihren Gesundheitszustand und das andere schwer abschätzen können und weniger zeitlichen Puffer haben als vorher. Der gestrige Grenzübergang war auch abwechslungsreich: Zuerst wollten wir mit dem Fahrrad zusammen zur Grenze fahren und dort ein Taxi für Sarah finden, um uns in Koundara wieder zu treffen. Morgens merkte Sarah, dass Fahrrad fahren wirklich keine gute Idee ist und wir suchten eine Trampmöglichkeit für sie, während wir langsam Richtung Grenze fuhren. Und es kam… niemand. Leere Straßen, normalerweise eine Freude.

So bekam Claras Schloss einen neuen Nutzen: Wir verbunden Sarahs Low-Rider mit Selmas Gepäckträger für einen hauseigenen Abschleppservice. Da fühlten wir uns selbstwirksam, auch ohne überteuerte Tuktuks voranzukommen. Als sich nach zehn Kilometern ein Lkw anbahnte, hielten wir ihn trotzdem an und durften alhamdulilah Sarahs Fahrrad hinten rein laden, während sie sich auf das Sofa im Führerhäusschen chillte. Dieser Luxustransport war so viel besser als unsere Busfahrten. Das Fahrrad war sicher, keine kaputte Lampen oder ähnliches danach. Und auf dem Sofa konnte Sarah sogar schlafen.

Der Krankentransport wird vorbereitet
Sarahs Blick vom Lkw aus

Jetzt haben wir die Lkw-Fahrer auf Instagram gefragt, ob sie uns nicht noch weiter Richtung Conakry mitnehmen wollen, da Sarah weiterhin nicht fit ist. Weil es einfach zu gut wäre. Wir würden es zwar bedauern, Guineas spannende Landschaft nicht auf dem Fahrrad mitnehmen zu können, aber da wir nicht in Stress kommen möchten, scheint uns das die beste Möglichkeit. Also berichten wir nächste Woche vielleicht von unserem neuen Lkw-Lifestyle. Bis dahin!

Das Sonntagsfeeling wird von der unfassbaren Hitze verstärkt. Man wird einfach träge. Es ist ein bisschen seltsam, wie, wenn wir scheinbar wenig zu tun haben, unsere Motivation wie Luft aus einem angepiksten Luftballon entweicht. Leider gibt es dann doch immer wieder Dinge, die wir auch an Pausentagen machen wollen: kaputte Sachen nähen ist mittlerweile eine Dauerbeschäftigung oder sich auf die Zeit nach der Reise vorbereiten, Essen besorgen und so. Manchmal warten wir auf den Tag, an dem wir uns voll uns ganz der Tätigkeit „Land entdecken“ widmen können, ohne andere To-Dos im Hinterkopf zu haben. Doch dieser Tag wird wohl nie kommen und wir sollten auch jetzt schon leben.


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