Melonenfiebertraum – zum richtigen Zeitpunkt im Senegal
Bouhadjra – Saint Louis – Beutlamine – Mboro – Dakar
Es ist warm und ich bin müde und ich sitze auf einem grauen Sofa in Dakar. Gegenüber stillt Mariam ihren Sohn, während sie mit ihrer Mutter diskutiert. Die Mutter schaut uns nachdenklich an und wiederholt unsere Namen. Ich bin erleichtert, mich auch an die Namen aller Anwesenden zu erinnern. Die Mutter gibt uns ihre Tochter zum Mitnehmen frei. Wir gehen sofort darauf ein und hoffen, von nun an zu viert nach Benin zu radeln. Die Mutter entscheidet sich schnell um; Nein nein, wenn, dann Deutschland. Ihr Bruder, unser Gastgeber, der uns in Guerguerat an der mauretanischen Grenze einlud, ist auch großer Deutschlandfan. Wir wissen nicht, wie wir damit umgehen sollen.

Wenn Menschen auf unserer Reise über Deutschland, Europa oder Weiße im Allgemeinen schwärmen. Unser Gastgeber ist überzeugt, dass Weiße toll sind. Immerhin unterstützen sie viele NGOs im Land. Hilfreich ist in diesem Fall zu erklären, dass Deutschland ein rassistisches Land ist und viele Probleme hat. Unser Gastgeber bezweifelt das zuerst, scheint uns die Info dann aber doch abzukaufen. „Auch im Senegal gibt es Rassisten“, sagt er, „Rassismus gegen sich selbst“. Was sehr traurig ist, wie schädliche Erzählungen das Selbstbild beeinflussen. „Manche Menschen mögen alle Menschen, andere mögen niemanden“. Wir können uns mit Amadou darauf einigen, dass es überall so ist.

Es ist erstaunlich, was für Erzählungen von Europa oder Deutschland unsere Gegenüber überraschen. Daran merkt man, was für ein Bild und was für Geschichten vorherrschen. Weiße Menschen, die Maßstäbe für das Schöne, Gute und Wahre setzen und sich in positivem Licht darstellen und dargestellt werden. Da kann man mit Geschichten von Rassismus, brutaler Vergangenheit, Klassismus und dreckigen Städten Erstaunen hervorrufen.
Wir haben mal wieder großes Glück, bei so freundlichen Menschen unterzukommen. Amadou und seine Familie hatten einen Tisch voller Obst und Getränke für uns vorbereitet, als wir verschwitzt in ihr Wohnzimmer stapften. „Fühlt euch wie Zuhause! Hier ist euer Zuhause!“ ruft Amadou immer wieder. Und zieht uns zuerst unsere Schuhe, dann unsere Socken aus. Die nach drei Tagen Route selbst wir nur mit spitzen Fingern anfassen. Sie kochen vegetarisches Essen für uns, ein Traum, denn unterwegs gutes Essen zu finden ist nicht leicht. Endlich sogar Selma mal wieder richtig satt. Wir sind uns einig, dass es besser ist, bei Menschen vor Ort zu wohnen, als im Hotel. Im Hotel ist kein Leben und man wird traurig. Man grüßt dich nicht.

That being said, waren wir in Saint Louis in unserer Airbnb-artigen Unterkunft sehr glücklich. Über Couchsurfing hatten wir eine kleine Wohnung gefunden, mit eigenem Schlüssel, Schlafzimmer, Bad und Vorraum, in den unsere Fahrräder perfekt hineinpassten. Für 15 € die Nacht. Die Frau des Couchsurfing-Gastgebers saß immer gegenüber und verkaufte unterschiedliche Snacks je nach Tageszeit. Und wir konnten uns auf die Projektbesuche fokussieren und entspannen, da wir keine Unternehmungen mit Gastgeber*innen hatten. Wir konnten das Stadtviertel für uns entdecken und hatten nach kurzer Zeit unseren Stammmelonenverkäufer, unsere Bäckerei und unseren go-to-Spaghettibrot-Koch. Lernten die Kinder vor unserer Haustür kennen und schlossen unsere Haustür vor ihren großen Augen zu. Vielleicht fühlten wir uns mehr wie Zuhause, weil wir nicht bei anderen Leuten waren und uns selbst unsere Orte gesucht haben. Vielleicht aber auch einfach, weil wir vier Nächte dort verbracht haben.

Wir hatten Glück, dass unsere Unterkunft in der Nähe des Büros des Mitarbeiters der senegalesischen Partnerorganisation RAPEN war. So konnten wir uns gemütlich zu Fuß treffen. Modou nahm uns mit nach Khar Yalla, wo Menschen leben, die durch den Meeresanstieg ihre Häuser verloren haben. Hier hat die ASW die Ausbildung vieler Frauen zu Scheiderinnen, Friseurinnen und Getreideverarbeiterinnen bezahlt. Wir wurden von ihnen mit Tanz und Reden begrüßt und konnten einige für unsere Instagramvideos interviewen. Auch Djougop sahen wir uns an, ein weiterer Ortsteil, wo andere deplatzierte Menschen wohnen. Der senegalesische Staat hatte dort ein Wohnviertel gebaut und viele Umschulungen finanziert. Auch das ASW unterstützte hier Ausbildungen und wir konnten mit einer Frau über ihre heutige Lage reden. Man redet oft über Klimawandel und dessen globalen Auswirkungen. Manchmal vergisst man dabei, dass dahinter echte Menschen und Geschichten stehen. Wir fanden es gut, daran erinnert zu werden.

Die nächste Woche werden unsere Fahrräder hauptsächlich auf dem Balkon unseres Gastgebers chillen. Wir haben für Weihnachten bereits einen festen Ort, wo wir sein wollen, und deshalb ein wenig Lücke bis dahin. So bleiben wir länger in den Städten und können vielleicht noch das Landesinnere Gambias erkunden.

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