Neunte Woche auf dem Rad

Vom Sehen und Gesehenwerden

Boujdour – Restaurant – Nichts – Tankstelle – alter Mineneingang – Dakhla

40 Quadratmeter Himmel über uns. Eine rote Dachterrasse, begrenzt von hohen Brüstungen. 160 cm Geländerhöhe, 2,10 m Türrahmen. Hinter der östlichen Brüstung: eine kleine Dachwohnung, kaum größer als unsere Terrasse.

Vier Menschen wohnen darin als WG und dieses Wochenende haben sie drei Radreisende zu Besuch. Das erste Mal, dass wir drei Nächte irgendwo bleiben und das ist doch recht entspannend. Leider haben wir dieses Mal keine wirkliche gemeinsame Sprache und fragen uns, wo eine Unterhaltung beginnt. Wenn man Fragen auf Englisch stellt und dann auf der gleichen Sprache etwas anderes erzählt wird, was vielleicht auch spannend ist, aber nicht den Mut gibt, weiter zu fragen. Wir merken schnell, dass wir bei der Hauptfreizeitbeschäftigung – dem gemütlichen Zusammensitzen und Rauchen im Wohnzimmer – nicht so recht mitziehen können.

Sarah im regional typischen Gewand

So nehmen wir dankbar die Dachterrasse ein und essen unseren dieswöchigen Gönnermoduseinkauf: Haferflocken und Schokomüsli mit Hafermilch und Obst. Oder schneiden Videos und schreiben den Blogeintrag. Immer wieder kommen Freunde der Männer-WG vorbei und sagen uns Hallo. Ein WG-Mitglied hat bei jedem Vorbeikommen das Bedürfnis, etwas zu machen. Entweder er gibt uns ein paar Trauben, steckt uns Schokolade zu, oder macht eine coole Handgestik. Wir sagen schukran (danke auf arabisch) oder recken beide Daumen in die Luft – Kommunikation in Gesten, die trotzdem irgendwie funktioniert. Bei couchsurfing ist es immer wieder eine Überraschung, wo man landen wird und wir stellen uns darauf ein, dass wir uns nicht immer 100 prozentig wohl fühlen werden. Wenn es wirklich doof ist, sind wir ja frei, unsere Pläne zu ändern.

Selma beim Schreiben des Blogeintrags

Interessant ist es jedes Mal zu sehen, wie Menschen leben und ihre Zeit verbringen. Man erhält sehr private Einblicke und fragt sich, wie viel Voyeurismus der Welt und der eigenen Seele guttut – und ob gerade diese Frage Teil des Reisens ist. Der Blick hinter die Haustür zeigt, wie weit das Spektrum des Normalen reicht. Wir sehen andere Alltagswelten und stellen uns vor, wie das wohl wäre, so zu leben. Für einen Moment  wohnen mit den Eltern, dann alleine leben, alt werden. Zuerst beobachten, dann bewerten, dann abwerten – ein Ablauf, der im Kopf passieren kann, wenn man sich außen stehend sieht. Als wäre man nicht Teil dessen, was man betrachtet. Als würde der eigene Blick die Verhältnisse nicht schon verändern.

Gestrandetes Zeltschiff mit Vogel

Manchmal, wenn wir durch die Straßen fahren und uns in einem starren Blick mit einem Passanten wiederfinden, merken wir, dass wir selbst Teil dieser Dynamik sind. Scheinbar sind auch wir ein Stück Unterhaltung. Vielleicht ist es Neugier, vielleicht das Faszinierende am Fremden – oder am Vertrauten, wenn man sich in den Gesten Anderer wiedererkennt. Wenn Menschen Dinge machen, die wir nicht verstehen, die uns überraschen und die wir nicht einordnen können. Dann ist das für uns beizeiten unterhaltsam. Am Ende ist es wohl ein Geben und Nehmen. Der Blick auf Andere ist immer auch ein Spiegel des Eigenen, zeigt weniger, wie sie leben, als was wir für selbstverständlich halten. Wir hoffen, unseren Voyeurismus in Aufmerksamkeit verwandeln zu können und, wenn möglich, gemeinsam zu lachen.

Sarah entdeckt die Innenkamera
Auf der anderen Seite der Kamera

Wir hoffen, dieser Gefahr zu entgehen, indem wir uns selbst im Gesehenen wiederfinden. Wenn man sich nicht mehr hineinversetzen kann, wird es vielleicht gefährlich – oder wenn man meint, alles verstehen zu müssen. Wer die Grenzen seiner eigenen Wahrnehmung nicht kennt, läuft Gefahr, andere Lebensweisen abzuwerten, nur weil sie fremd erscheinen.

So wie in Boujdour, wo wir uns darüber gefreut haben, bei einer sechsköpfigen Familie bleiben zu können. Und uns auch mit jungen Frauen austauschen zu können, denn sonst begegnen wir eher Männern. Die sind häufiger auf Couchsurfing unterwegs. Abdelhadi, das zweite „Kind“ der Familie (er ist älter als wir) zeigt uns sein Büro, dass er mit Freunden unterhält. Sie sind im kreativen Computerbereich tätig. Gleichzeitig arbeiten sie in den Räumen für eine Hilfsorganisation, die benachteiligte Menschen der Stadtgemeinschaft unterstützen; sie geben Nachhilfe für Kinder und verteilen Essen für arme Menschen zu Ramadan.

Bei Abdelhadi in Boujdour

Unter der Woche heißt es wieder ruhige Wüste ohne Auto- oder Stadtlärm. Wir sind dankbar für den Wind, der uns zu Höchstgeschwindigkeiten durch die Wüste schiebt. 40 km in 1:17 h geht auf einmal mit Gepäck und ohne schwitzen. Wir übernachteten bei Tankstellen, in einem Wadi, auf der Terrasse eines Restaurants und hinter einem Stein-Sandhügel. Die Versorgung mit Essen war ein wenig herausfordernd, da es zwischen Boujdour und Dakhla nur Weißbrot, Omelett, Dosen, Kekse zu Hauf und Fleisch zu kaufen gab. Wir nahmen viel Obst und Gemüse (Äpfel, Karotten, Avocado, …) aus Boujdour mit und gaben unsere vegane Ernährungsweise zugunsten des Omeletts auf. In Dakhla haben wir uns dann sehr über den Bohneneintopf Lubia gefreut.

Nächste Woche werden wir Mauretanien erreichen, in Guerguerat planen wir über die Grenze zu fahren, um in Nouadhibou einzureiten. Der erste Grenzübergang mit Visumsantrag unserer Reise. Wir hoffen, dass mit neuer Sim-Karte, neuer Währung und neuen Banken alles klappen wird. Wir staunen, bald Marokko / die Westsahara zu verlassen, wo wir über einen Monat unserer Zeit hier verbracht haben.

An dieser Stelle möchten wir noch an unsere Spendenaktion erinnern: Wir sammeln für Projekte der ASW (Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt) im Senegal und in Togo. Es handelt sich um Themen, die uns selbst am Herzen liegen: Resilienz gegen den Klimawandel und Unterstützung von Frauen. Wir möchten die Projekte vor Ort besuchen und auf diesem Blog davon berichten. Alle Infos findet ihr auf unserer Website, unter dem Reiter Spenden 🙂

Unser Video zu dieser Woche:


6 Antworten zu „Neunte Woche auf dem Rad“

  1. Avatar von Florence Kernec'h
    Florence Kernec’h

    Bonjour,
    J’ai présenté votre blog à toutes mes classes du BurgGymnasium et nous suivons votre périple avec beaucoup d’intérêt et une grande admiration. Nous révisons également notre géographie!
    Merci à vous, bonne route et faites de belles rencontres!

    1. Avatar von admin

      Il fait plaisir de lire ça, merci beaucoup et salutations à tout le monde!

  2. Avatar von Andi
    Andi

    Hach es ist immer wieder schön euren Reiseblog zu lesen. Da vergeht die Zeit wie im Flug 😉
    Ich wünsche euch weiterhin super viel Spaß und ganz viele tolle Erlebnisse 😘

    1. Avatar von admin

      Hallöchen, das freut uns ganz doll!
      Liebe Grüße nach Erfurt ☺️

  3. Avatar von Tobias Wiesemann
    Tobias Wiesemann

    Toller Blog, wird hier immer wieder von vielen Menschen sehr gelobt. Weiter so und DANKE!

    1. Avatar von admin

      Das freut uns sehr, dankeschön!!

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