Zu viel passiert
Casablanca – Sidi Abdallah – Marrakesch – Chichaoua – Imintanoute – Amskroud – Agadir – Tamraght
Ein- oder zwei schwarze Unterhosen. Eine kleine Puppe. Ein Handy, Ohrringe. Ein Armband. Eine wasserdichte 1l-Brotbox. Handschuhe für zwei Tage. Kopfhörer. Alles Dinge, die sich mittlerweile im Nicht-Sein befinden, mit anderen Worten, wir haben sie verloren. Geld von der Familie, Postkarten, eine Tafel Schokolade, zwei Kopftücher, drei Bandanas, drei kleine Püppchen. All die Dinge, die uns unterwegs geschenkt wurden. Während wir nichts tun, als mit unseren Fahrrädern durch die Gegend zu cruisen.

Wir treffen unterwegs einen anderen Fahrradreisenden, der von Süd- nach Nordafrika fährt und am Ende seiner Reise steht. „Unterschätzt nicht eure Präsenz, was es bedeutet, dass ihr da seid.“, sagt er. Er scheint aufzugehen in seiner Reise und Westafrika. „Wenn die Welt so wäre, wie ich die Menschen hier erlebe. Wenn sich alle so unterstützen würden. Dann wäre alles in Ordnung.“ Wir schauen ihn an, wie er da steht und so erfüllt wirkt und können nicht anders, als ihm zuzustimmen. Sarah hat ihren kleinen Fangirl-Moment, denn sie kennt den Bikepacker von Instagram. „Ihr gebt den Menschen Energie“, sagt unser Couchsurfing-Gastgeber in Marrakesch. „So wie sie euch Energie geben.“ Er gibt uns seine Gastfreundschaft, seine Zeit, zwei Übernachtungen in seiner Wohnung, lädt uns ein zum Essen in der Altstadt. Wir kochen zusammen, er erhitzt Auberginen im Feuer des Gasherdes nach einem alten Rezept seiner Oma. Serviert in einem Tonteller mit heißem Öl und Knoblauch. Der Nudelsalat, den wir fabrizieren, sieht daneben fahl und deutsch aus. Doch die Kombi schmeckt gut!

Wir sind froh, Besuche bei Menschen mit Wildcampen abwechseln zu können. So haben wir meist genügend soziale Energie, um uns auf die Menschen einzulassen. Und können an zusammenhangslosen Orten chillen, der Natur näher sein oder sowas. Die verschiedenen Landschaften und Klimas Marokkos entdecken. Begonnen haben wir die Woche in Casablanca, der größten Stadt Marokkos und dem wirtschaftlichen Zentrum. Laut Marokkaner*innen kein touristisches Highlight und sehr europäisch. Wir dürfen mit unserer Gastgeberin mit ihr im Auto durch die Stadt cruisen. Bei unfassbar lauter Popmusik, die sie nur in der Nähe von Moscheen leiser dreht. Sie zeigt uns die Tourihighlights der Stadt: Die große Moschee direkt am Meer, eine Mall und einen großen Markt. Die Mall hat im hinteren Teil einen Bereich für Fahrgeschäfte und Fastfood mit Blick auf den Ozean. Abends dann noch der größte Supermarkt, den ich in meinem Leben gesehen habe. Mit Fässern voll Oliven, durch die man sich durchprobieren konnte. So viele Menschen überall und so viel Leben. Wir verabschieden uns von Rehab sowie Casablanca mit einem Polaroidfoto und einer herzlichen Umarmung.

Und haben am gleichen Abend die erste Zeltübernachtung, die in unserer internen Wildcampbewertung volle Punktzahl erreichen konnte. Chez Hamid, auf dem Hinterhof eines Café-Tankstellen-Komplexes. Unter Palmen und auf Kunstrasen, eine Ecke nur für uns. Die wir auch direkt okkupieren. Neben uns eine Moschee mit Toiletten. Der Café-Besitzer stellt uns einen Tisch und Stühle vom Café her, für unsere Privatsphäre. Abends will sich ein anderer Mann uns nähern, doch er wird sofort gestikulierend von dem Besitzer davon abgehalten, damit wir unsere Ruhe haben. Morgens schenken sie uns Tee und drei kleine Püppchen. Ich habe ein bisschen Pipi in den Augen, während ich das schreibe. Die Menschen sind viel zu süß und kümmern sich um einen.

Und die Verständigungsprobleme machen vieles noch deutlich lustiger. Arabisch und Tamazight (die Sprache der Berber) sind in Marokko Amtssprachen, Darija (ein arabischer Dialekt mit Einflüssen von Tamazight und französisch) wird im Alltag gesprochen. Französisch spielt in den Bereichen des Handels, der Diplomatie und auf Schildern im öffentlichen Raum als ehemalige Kolonialsprache eine Rolle, verliert aber an Bedeutung. Französisch, Spanisch, Englisch oder Deutsch lernen manche Menschen als Fremdsprachen in der Schule. Wir versuchen uns also mit Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch und den paar Worten Fusha (Hocharabisch) und Darija, die wir kennen, durchzuschlagen. Auf der Straße findet man dann schon jemanden, der einem weiterhelfen kann. Mit den Couchsurfing-Gastgebern sprechen wir bisher Englisch. Wir haben den Eindruck, das junge Menschen vor allem diese Sprache lernen oder sprechen wollen, da sie internationaler als französisch ist und für sie kein Überbleibsel der Kolonialzeit darstellt.

Worüber wir uns noch Gedanken machen wollen, ist der Umgang mit Geld auf dieser Reise. Das Leben ist in Marokko und in vielen Ländern, die wir durchqueren, deutlich günstiger als in Deutschland. Ohne etwas dafür getan zu haben, ist unser Geld auf einmal mehr Wert. Geld verschafft Entscheidungsfreiheit, Möglichkeiten und damit auch Macht. Es ist ein Privileg, über das in Deutschland selten gesprochen wird, weil man es so leicht übersieht, wenn man in seiner eigenen Blase lebt. Wir fragen uns, wie wir reagieren sollen, wenn wir als Europäerinnen höhere Preise zahlen sollen. Handelt man auf den „Touripreis“ herunter, um fair zu bleiben? Oder ist das Herunterhandeln selbst schon Ausdruck von Arroganz, weil wir es uns eigentlich leisten könnten? Natürlich profitiert unser Reisegefühl auch davon, dass vieles günstiger ist. Wir können uns für 1,50 € ein Mittagessen am Straßenrand gönnen – das wäre in Deutschland undenkbar. Gleichzeitig wäre unsere Erfahrung eine andere, wenn hier alles so teuer wäre wie zu Hause. Das Gefühl, ständig „gute Deals“ zu machen, macht gute Laune – aber es basiert auf Ungleichheit.

Auch der Trend des „Reisens ohne Geld“ wirkt aus dieser Perspektive fragwürdig. Wenn man irgendwo hinfährt, will man ja eigentlich auch die lokale Wirtschaft unterstützen. Andererseits muss das Reisebudget für viele Kilometer reichen. Und dann sind da die Momente, in denen jemand einfach um Geld bittet. Der gleiche Betrag kann für zwei Menschen eine völlig unterschiedliche Bedeutung haben – und es ist schwer, einen Umgang damit zu finden. Uns ist bewusst, dass wir keine Antworten haben. Wir wissen nur, dass es nicht selbstverständlich ist, so reisen zu können. Menschen mit viel Geld nehmen ihre Verantwortung selten wahr, und wir wissen selbst nicht, wie wir es besser machen sollen.
Im Vergleich zu den großen Ungerechtigkeiten der Welt wirken unsere Fragen klein – aber sie sind da. Ich frage mich, mit welchem Selbstverständnis man unterwegs sein sollte. Viele Europäer*innen reisen nach Afrika, weil „es da billiger ist“ – und werden freundlich empfangen. Umgekehrt würden viele Menschen aus diesen Ländern bei uns auf Hürden, Misstrauen und Rassismus stoßen. Diese Asymmetrie ist schwer auszuhalten. Das Problem globaler Ungerechtigkeit werden wir auf dieser Reise nicht lösen – aber vielleicht können wir sensibler werden für das, was wir selbstverständlich finden.

Morgen geht es von Agadir weiter Richtung Tan Tan, in den Süden Marokkos. Wir finden es verrückt, dass wir bald schon 2000 km geschafft haben, ein Viertel unserer Reise.
Unser Video zu dieser Woche:

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