Vierzehnte Woche auf dem Rad

Diwandaydreaming in Dakar

M’boro – Dakar – Bargny – Fatick

Jede Woche schreibe ich diesen Bericht und frage mich, was diesmal überhaupt noch hier stehen soll. Ich möchte nicht immer mit „Diese Woche haben wir … gemacht“ beginnen – die thematische Ebene soll den Text tragen, nicht die chronologische. Der Blog soll für uns drei sprechen und trotzdem Raum für persönliche Reflexion lassen. Von Natur aus wird er dadurch multiperspektivisch – und damit manchmal weniger klar. Den Anspruch habe ich eigentlich nicht, aber sobald man über reale Menschen schreibt, braucht es Vorsicht: niemanden verletzen, falsch darstellen oder respektlos werden.

Dazu kommt die Frage, für wen dieser Blog überhaupt existiert. Er ist einerseits Selbstausdruck, andererseits die Möglichkeit, andere mitzunehmen. Beides schwankt ständig zwischen Abbildung der Realität und der Angst, missverstanden zu werden. Und dann erfahre ich auch noch, dass Schüler*innen diesen Blog im Unterricht lesen – plötzlich bekommt der Text einen edukativen Anspruch, den ich nie geplant habe, und gleichzeitig durch ein größeres Publikum eine neue Bedeutung.

Vielleicht ist mir all das gar nicht so wichtig. Eigentlich möchte ich einfach Spaß haben und während des Schreibens über Dinge nachdenken. Etwas, das mir selbst einen Mehrwert gibt – und nicht bloß eine Aufzählung von Tätigkeiten ist.

Unser Premium-Adventskranz

Diese Woche waren wir in Dakar. Ich erinnere mich auch bei schwerem Nachdenken nicht daran, seit wann wir schon hier sind. Die Tage verkleben zu einer Kaugummimasse. Ich schaue in unseren letzten Blogeintrag und stelle fest, dass wir auf jeden Fall Sonntag schon hier waren. Tage, die von ausschlafen, sitzen, plötzlichen Unternehmungen, unserer To-do-Liste, sitzen und reden, gehen und reden, geprägt sind. Wir haben großes Glück, bei Ahmadou und seiner Familie für so viel Zeit bleiben zu können. Es ist toll, bei Menschen zu sein, die sich aufrichtig über unsere Anwesenheit freuen.

Reis mit Zwiebeln von Ahmadous Mutter Koumba

Ahmadou ist Verkäufer und reist mit seinem Auto regelmäßig nach Marokko, Mauretanien oder Gambia. Während unseres Besuches blieb er eine Weile bei sich Zuhause und hatte so viel freie Zeit für uns. Direkt zu Beginn schlug er uns genug Programm für drei Wochen vor – wir haben selten einen so aktiven Menschen getroffen und fragten uns, woher er seine ganze Energie nahm. Jedes Mal, wenn wir durch das Viertel gingen, hielten wir alle 20 m an, um einen Freund von ihm zu grüßen. Anfangs wurden wir immer vorgestellt und wir versuchten uns an Wolof-Smalltalk-Vokabeln. Ahmadou erzählte uns meist wortreich, was für eine tolle Person unser neues Gegenüber sei. Entweder waren sie „wahre Freunde, halfen anderen Menschen in der Gemeinschaft, echte Männer, ein intimer Freund, oder eine wahre Schwester“. Wir wurden in mehreren Restaurants zum umsonst essen eingeladen, leider nahmen wir keine Einladung wahr. Jeden Tag gab es Wassermelone, ein fettes Teil für umgerechnet 75 ct.

Melonenfreude

Gleichzeitig war der Aufenthalt schwierig für unsere soziale Batterien und jetzt, da wir wieder weg sind, spüre ich Erleichterung. Dort war ich gestresst. Vielleicht, weil unser Gastgeber zeitlich vollkommen frei für uns war und wir dadurch wenig Freiraum hatten. Vielleicht, weil ich mir gewünscht hatte, er würde uns mehr Wahl über unsere Tätigkeiten überlassen. Meist kamen Freunde von ihm her und wir unterhielten uns mit ihnen. Ohne uns zu fragen, ob wir das wollen. Wir lernten in diesen Gesprächen viel über den Senegal und vor allem seine Cousine schien sich sehr zu freuen, als wir sie besuchten. Ich hoffe, Menschen gerne eine Freude zu machen. Gleichzeitig ist auf Sofas rumzusitzen und mit Menschen zu reden keine Tätigkeit, der ich lange oder oft nachgehen kann, ohne das Konzentrationsvermögen zu verlieren und mich zu langweilen. Die Frage ist, was hätten wir sonst getan. Vermutlich hätte ich weiter an meinen Bewerbungen gearbeitet, mein Fahrrad geputzt, kaputte Kleidung genäht, kurz um: alles Dinge, die man auch Zuhause machen kann. Wohl deswegen und aus Dankbarkeit fühlten wir uns verpflichtet, bei seinem Programm mitzumachen.

Unser Kartoffelbrei mit Linseneintopf zum Mittwoch

Nach unserem Aufenthalt in Dakar fuhren wir nach Bargny, da wir uns dort mit Partner*innen der ASW trafen. Wir sprachen mit Ndeye Yacine Dieng, einer Frau, die nah am Meer wohnt und so zu der Gemeinschaft gehört, die stark unter Klimafolgeschäden leidet. Das Meer ist seit den 1970ern 144 m nach vorne gewandert und zerstört regelmäßig die Häuser der Gemeinschaft. Sie berichtete nochmal in einer Diskussion über die COP30, bei der wir zuhören durften, über die klimawandelbedingten Herausforderungen ihres Dorfes. Wir sind sehr dankbar für den Austausch mit den Betroffenen und den Klimaaktivist*innen vor Ort. Wir haben viel lernen dürfen und werden hoffentlich noch einmal ausführlicher davon berichten.

Bibliothek, in der die COP30-Besprechung stattfand

Nächste Woche besuchen wir ein Projekt der Organisation APAF, welche die ASW und damit Ihre Spendengelder ebenfalls unterstützt. Wir sind sehr gespannt, was uns erwarten wird.


Eine Antwort zu „Vierzehnte Woche auf dem Rad“

  1. Avatar von Gisela
    Gisela

    Ihr Lieben,
    mit großer Neugier warte ich auf euren Bericht nach Sonntag abends immer und ich erfreue mich an euren persönlichen Sichtweisen, wie ihr vorsichtig versucht allen gerecht zu werden, sogar euch selbst. Zwischen offener und lockerer Gastfreundschaft und Einvernahme scheint es viele Grade zu geben.
    Mit dem Radfahren, der Witterung, den Straßen und dem Verkehr scheint ihr keine Probleme zu haben. Veganes Essen kriegt ihr hin.
    Alles Gute!

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