Elfte Woche auf dem Rad

Zusammen ist man weniger zu drein

Nouadhibou – Choum – Atar – Terjit – Chaeikh – Akjoujt – El Asma

Diese Woche begann einem Abenteurerhighlight der Route: dem Eisenerz-Zug. Ein bis zu 2,5 km langer Zug, der längste der Welt, der Eisenerz aus dem Inneren des Landes an die Küstenstadt Nouadhibou transportiert. Einmal pro Tag nimmt er auch Passagiere in einem Personenwagen oder in den Güterwagons mit. Wir stiegen mit unseren drei Fahrrädern in Nouadhibou ein.

Aussicht auf dem Zug genießen

Wir waren vom Wochenende ein bisschen gestresst, aufgrund des Grenzübergangs und unserem spontanen Kurzurlaub im Nationalpark, der länger als geplant dauerte. So hatten wir weniger Zeit, uns für den Zug vorzubereiten: der Eisenstaub macht alles dreckig und es soll nachts kalt werden, sodass es ratsam ist, sich Klamotten und Skibrillen zu besorgen. Und Essen, welches man sich direkt in den Mund stopfen kann, wie Datteln, Nüsse oder Stullen. Dann Kopftücher, um Mund und Nase zu schützen. Wir fanden alles auf dem Markt und handelten ausnahmsweise gut.

Bereit für für den Eisenerzzug

Am Tag der Abfahrt suchten wir nach Essbarem, holten unsere Wäsche ab und kämpften mal wieder gegen den Wind, um zum Bahnhof zu kommen. Vergleichsweise spät. Der Zug hat keine festen Abfahrtszeiten und wenn man Pech hat, wartet man 8 Stunden in der Sonne. Mit unserem knappen Kalkül und einem frühen Zug mussten wir nur eine Stunde warten. Am Bahnhof trafen wir vier andere Bikepacker und zwei Backpacker, mit denen wir uns einen Waggon teilten. Wir waren besonders froh das Geschwisterpaar Capoupascap zu treffen, die unsere vergessenen Handschuhe aus der Westsahara dabei hatten. 220 km lang hinter uns her gefahren.

Abendlicher Besuch

Zwischen „overrated“ und „das Beste, was ich je in meinem Leben gemacht hatte“, hatten wir viele Meinungen zum Eisenerzzug gelesen. Unsere eigene Erfahrung liegt irgendwo dazwischen. Wir sahen einen tollen Sonnenuntergang und hatten Spaß, alle Fahrräder in den Wagen ein- und auszuladen. In diesem Zug zu stehen und nur Wüste zu sehen war besonders. Weil wir schon lange von dem Zug gelesen hatten. Weil viele Menschen extra dafür nach Mauretanien fliegen. Weil man sich fühlte wie in einer Achterbahn und ein bisschen abenteuerlich. Weil wir darüber nachdenken mussten, welche Wegstrecke wir zurückgelegt haben, um dort zu sein. Wir waren davor ziemlich illusorisch und haben uns überlegt, was wir alles auf dem Zug machen wollen. Kochen auf unserem neuen Gaskocher, Route planen, einen Song schreiben – wir wollten die 12 Stunden gut füllen.

Sonnenuntergang und Fahrräder

Im Waggon war es dann sehr laut, dreckig und ruckelig, manchmal fiel man glatt um. Nicht die Umgebung, in der man irgendetwas machen möchte, außer über die Reling auf die Dünen zu schauen. Das herausforderndste war mit unserer vollen Blase umzugehen. Wir präparierten uns eine Plastikflasche mit Trichter, in die wir später hineinpinkelten und dann den Flascheninhalt über Bord kippten. Im Nachhinein hätte man auch schnell pinkeln können, als der Zug nachts plötzlich anhielt. Aber wir wussten nicht, wie lange er da stehen würde und nachts alleine irgendwo in der Wüste zu enden schien ein schlimmeres Schicksal als die Flaschenpinklerei. In Choum angekommen ruhten wir uns aus und waren froh über die Dusche. Den ganzen Dreck aus unseren Klamotten, Fahrrädern und Körpern zu kriegen war das ebenfalls herausfordernd.

Auf dem Terrassendach einer Tankstelle

Wir waren froh, uns in einer Auberge ausruhen zu können und machten dann zu siebt nach Atar. Die Radreisenden, die wir auf dem Zug getroffen hatten, wollten in die gleiche Richtung. Und dann zu sechst weiter Richtung Nouakchott. Wir staunten über die Natur. Nach mehreren Wochen flacher Wüste gab es nun dunkle Berge im hellen Sand und grüne Oasen. Wir machten einen kleinen Abstecher nach Terjit, der größten Oase in der Umgebung. Und entspannten unter Palmen, in Wasserbecken, die Hitze für einen Moment vergessen. Wir freuen uns, diese Woche neue Mitreisende zu haben. Sie sind sehr flexibel und stimmen allen unseren Plänen zu. 5:30 Uhr aufstehen, der Oasenabstecher, 80 km pro Tag bis Nouakchott, alles kein Problem für sie.

Wir haben einen festeren Zeitplan als andere Reisende, da wir Besuchstermine mit den Partner*innen der ASW ausgemacht haben. Und wir sind zu dritt, allein deswegen wohl weniger flexibel. Mit unseren angepassten Mitreisenden sind wir also sehr entspannt unterwegs. In der Gruppe wird uns deutlich, was für feste Routinen sich mittlerweile bei uns eingeschlichen haben. Und mit welcher Selbstverständlichkeit wir alles erledigen. Die anderen staunen über die Menge an Gemüse, die wir uns Mittags in Form eines Salates gönnen, über unsere routinierte Art Picknicks, Wasserfilterei und Nachtlager vorzubereiten. Wir merken, wir haben verschiedene Prioritäten: Wir sitzen normalerweise weniger im Sattel und haben dafür genug Zeit, uns unser ganzes Essen reinzudübeln.

Die Straße nach Terjit

Zusammen treffen wir uns nun in der Mitte, morgens streichen wir eine Stunde Frühstückszeit und können dann entspannter Fahrrad fahren. Nach Nouakchott werden sich unsere Wege wohl trennen. Wir merken, dass uns das gemeinsame Fahren auch mehr soziale Energie kostet. Man zieht sich weniger entspannt um, geht heimlich auf Toilette und fühlt sich vielleicht unter Druck, sich der Gruppenenergie anzupassen. Gleichzeitig ist es toll, sich mit anderen Reisenden über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit typischen Problemen auszutauschen, zu sehen, wie sie ihre Reise verbringen. Wir sind froh, mit Deutsch unsere Geheimsprache zu haben. Dann versteht man unser alltägliches dummes Gelaber nicht, das während dem Reisen wirklich Überhand genommen hat. Vor Deutschland müssen wir wieder lernen, uns zu benehmen.

Übernachtung an der Tanke

Dafür können die Franzosen immer in ihrer Muttersprache reden und sich besser ausdrücken. Ich werde sie vermissen, wenn unsere Wege sich trennen. Zumindest habe ich unsere bisherigen kurzweiligen Mitstreiter*innen immer vermisst. Ein- bis zwei Tage war ich mies drauf und fühlte mich Glückshormon-entleert. Aber zumindest weiß ich jetzt, was auf mich zukommt und weiß, dass es mir schnell wieder besser geht. Hoffentlich können wir auch in Europa mal zusammen radeln, nach den ganzen Geschichten wollen wir gerne ihr zu Hause kennenlernen.

Aussicht auf die Oase

Die nächste Woche wird schon unsere letzte in Mauretanien sein. So schnell kann es gehen. Ein paar Tage wollen wir in Nouakchott verbringen und uns dann auf Richtung Senegal machen. Wir freuen uns dort besonders, die Partnerprojekte der ASW (Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt) kennenzulernen.

Unser Video zu dieser Woche:


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