Lange Wege, kurze Abfahrten
Saldou – Guéckédou – Macenta – Koulé – N’zéréokré – Foromota – Danané
Es ist der erste Februar und wir beginnen den neuen Monat in einem neuen Land, der Elfenbeinküste. Wir bemerken schon wenige Meter hinter der Grenze kleine Unterschiede: die Straßenschilder sind wieder genauso wie in Frankreich (rot umrandet und die gleiche Schriftart), die Polizei-Kontrollpunkte auf der Straße sind anders aufgebaut als in Guinea und wir können wieder mit der von Frankreich eingeführten Währung, FCFA bezahlen. Der unterschiedliche Einfluss
Frankreichs auf die Elfenbeinküste und Guinea bewirkt einige erkennbare Unterschiede.
Guinea wurde zwar auch von Frankreich kolonialisiert, hat aber als einziges Land in einem Referendum gegen französischen Einfluss per Volksentscheid gestimmt. Die Elfenbeinküste hingegen hat sich für Charles de Gaulles Angebot entschieden, Teil einer französischen Gemeinschaft zu werden. Dies bedeutete Privilegien, gute Beziehungen mit dem Kolonialstaat und Abhängigkeit. Direkt am Anfang unserer Zeit in Guinea sagt uns unsere Gastgeberin, dass ihr Land schlechter entwickelt sei als die Mitgliedsstaaten der Françafrique. Bei unserer Reise durch das
Land können wir sehen, worauf sie sich bezieht.

Die Hauptstraßen sind teils in schlechtem Zustand und die Währung ist schwach. Gleichzeitig fragten wir uns, womit genau das zusammenhängt und was die französische Einflussnahme bewirkt. In den bisherigen frankophonen Ländern unserer Reise beschweren sich die Leute häufig über die Einflussnahme und distanzieren sich von dem Land. Wir starten eine kleine Recherche und sind
recht geschockt angesichts der vergangenen und andauernden Ausbeutung. Es lohnt zuerst ein Blick auf Guineas Geschichte:

In der präkolonialen Zeit prägten verschiedenen Gruppen wie die Foulani, die Madinka und die Soussou Guineas ethnische Vielfalt. Die sozioökonomische Struktur hatte einen Fokus auf Landwirtschaft mit Nutzpflanzen wie Sorghum, Hirse und Reis. Guinea war Teil wichtiger Handelsrouten, mit lebendigen Märkten und starkem Handwerk. Traditionelle Autoritäten regelten das Zusammenleben, und kulturelle Praktiken sorgten für sozialen Zusammenhalt.
Mit der französischen Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts wurde Guinea Teil von Französisch-Westafrika. Frankreich sicherte sich durch militärische Kontrolle den Zugang zu Land und Ressourcen, führte Steuern und Zwangsarbeit ein und schwächte traditionelle Machtstrukturen zugunsten kolonialtreuer Anführer. Bildung, Sprache und Religion dienten vor allem den Interessen
der Kolonialverwaltung und entfremdeten die Bevölkerung von ihren eigenen kulturellen Strukturen.
Die errichtete Infrastruktur hatte hauptsächlich zum Zweck, Güter aus dem Land zu Häfen zu transportieren und diente wenn, dann nur sekundär lokalen Bedürfnissen. Außerdem war sie schlecht ausgeführt und wurde unzureichend Instand gehalten. Die Franzosen erwirkten auch einen Wechsel der Landwirtschaft: anstelle von Selbstversorgung hatte Export von etwa Kakao, Kaffee oder Palmöl Priorität. Darunter litt die Ernährungssicherheit und Guinea wurde abhängig von importierten Lebensmitteln, damit auch von globalen Preisen.
Die französische Kolonialverwaltung ersetzte lokale Herrschaftsstrukturen durch zentrale Kontrolle und setzte eigene Verwalter ein. Dadurch verloren traditionelle Autoritäten an Bedeutung, soziale Bindungen wurden geschwächt und Konflikte nahmen zu. Gleichzeitig förderte die Kolonialpolitik Individualismus und Privateigentum statt gemeinschaftlicher Verantwortung, was den sozialen
Zusammenhalt weiter untergrub.

1958 war Guinea das erste Land unter französischer Kolonialherrschaft, welches Unabhängigkeit erlangte. Als Guinea dann in dem Referendum französische Einflussnahme ablehnte, wurden sie von der französischen Regierung sabotiert. Die Franzosen zerstörten Infrastruktur, entließen Ärzte und Lehrkräfte und stürzten Guinea in eine Inflation durch die Verbreitung von Falschgeld.
Weiterhin schmuggelten sie Waffen in den neuen Staat und trainierten Untergrundmilizen. Frankreich wollte Autonomie unattraktiv machen und zeigen, dass afrikanische Länder nicht ohne europäische Hilfe zurecht kommen. Es existierten Pläne, den neuen Präsidenten Sekou Touré zu stürzen, welcher das spürte. Er unternahm deshalb vieles, um die einstigen Herrscher abzuwehren
und dies endete in Willkür. Ein Überlebender bezeichnete das entstehende Netz an
Foltergefängnissen als Genozid an den Intellektuellen.
Die Gewalt und Repression der Sékou-Touré-Jahre wirken bis heute nach. Sie haben nicht nur Leben zerstört, sondern auch Vertrauen – in staatliche Institutionen, in politische Beteiligung, in die Idee, dass Macht dem Gemeinwohl dienen könnte. Guineas politische Geschichte ist seitdem geprägt von autoritären Regimen, Militärputschen und instabilen Übergängen. Demokratische Prozesse existieren, bleiben aber fragil, und Korruption ist für viele Menschen Teil des Alltags geworden: als notwendiges Schmiermittel, um Dinge erledigt zu bekommen, und gleichzeitig als Grund, warum sich so wenig nachhaltig verändert.
Wirtschaftlich steht Guinea trotz enormer natürlicher Ressourcen – vor allem Bauxit, Gold und Eisenerz – schlecht da. Der Reichtum des Landes konzentriert sich in den Händen weniger, während große Teile der Bevölkerung kaum davon profitieren. Viele Guineer*innen erklären sich die schwache Währung, die schlechte Infrastruktur und die geringe staatliche Versorgung nicht nur mit interner Korruption, sondern auch mit globalen Abhängigkeiten, unfairen Handelsbeziehungen und den langen Schatten kolonialer Ausbeutung. Ob Guinea heute ärmer ist, weil es sich früh und radikal von Frankreich gelöst hat, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Klar ist aber, dass Unabhängigkeit allein keine wirtschaftliche Souveränität garantiert – und dass die Kosten dieser Entscheidung bis heute ungleich verteilt sind.

All das schreiben wir aus einer begrenzten Perspektive. Wir reisen durch Guinea, leben aber nicht hier. Wir bleiben kurz, verstehen Ausschnitte, hören Erklärungen und fahren weiter. Die politischen und wirtschaftlichen Strukturen bleiben oft unsichtbar und zeigen sich für uns nur indirekt – in Gesprächen, in Wegen, in der Infrastruktur. Unsere Reise ist eine Durchquerung, kein Verstehen. Mehr als das Festhalten von Beobachtungen und offenen Fragen kann sie nicht leisten.

Schreibe einen Kommentar